ORTSTERMIN : Götterdämmerung

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Cupertino - Träge wehen die drei Flaggen in der Sonnenglut: links Stars and Stripes, in der Mitte der kalifornische Bär, und rechts, auf weißem Grund, ein roter angebissener Apfel – das Logo von Apple. Dass sie da so schlapp hängen, liegt fraglos am fehlenden Wind, hier eine knappe Autostunde südlich von San Francisco.

Trotzdem wirken die schlaffen Flaggen wie ein trauriger Kommentar auf Steve Jobs’ dürre Ankündigung vom vergangenen Mittwoch, künftig nur noch als Verwaltungsrat des von ihm gegründeten US-Unternehmens tätig zu sein. Übernehmen soll Technikchef Tim Cook. Kommentatoren sprachen vom Ende einer Ära, Anleger reagierten verunsichert. Jetzt hängen die Flaggen durch, wie Ende vergangener Woche der Aktienkurs an der Börse.

„What now?“, fragt der „San Francisco Chronicle“ auf seiner Titelseite. Stellt man diese Frage den Apple-Mitarbeitern, die den Konzern-Campus bevölkern, der mit seinen quaderförmigen Bürogebäuden an ein freundliches Universitätskrankenhaus erinnert, rennen sie weg. Egal ob pummelige Computer-Nerds, blonde Surfertypen oder ordentlich gescheitelte Krawattenträger: das Wort Presse löst bei allen Fluchtreflexe aus. Was der Abgang des schwer krebskranken Chefs und Visionärs für den Alltag oder die Stimmung im Unternehmen bedeutet, traut sich keiner laut zu sagen. Vielleicht beschäftigt sie es auch weniger als angenommen. Lauscht man den Mitarbeitern heimlich, reden sie über Wochenendpläne oder das Fernsehprogramm.

Die Journalisten-Kollegen mit Kameras sind auch schon da. Zwei gewaltige Übertragungswagen parken auf dem Apple-Campus. An einer Straßenkreuzung bereitet ein Team von „Bloomberg TV“ eine Livesendung vor. Es herrscht allgemeine Ratlosigkeit. „Wir wissen auch nix“, gibt Bloomberg-Achorman Cory Johnson zu. Sein Team warte jetzt erst einmal ab. Aber große Hoffnung, dass noch etwas passiert, hat er wenig. „Irgendwie ist alles wie immer“, sagt er und spielt mit seinem iPhone.

Wenn der Rückzug von Jobs irgendetwas ändern sollte, auf dem Firmengelände merkt man nichts davon. In einem Konferenzraum mit den Namen „A Star is born“ läuft eine Tagung. Auf dem von schmächtigen Kastanien unterteilten Parkplätzen rangieren nagelneue Porsches und alte Hondas mit abfallenden Rückspiegeln. Ein Reisebus biegt in den Infinite Loop 1 ein. Die Türen öffnen sich, eine Gruppe japanischer Touristen stürmt heraus und dann den Apple-Store, in dem iPods, iPads und diverser Tinnef zu haben sind.

Den Kunden dort ist ziemlich egal, wer hier der Chef ist. „Ob Steve Jobs oder Tim Cook, was macht das für einen Unterschied?“, fragt zum Beispiel Leonard, blond, Shorts, Sonnenbrille. Der eine habe einen guten Job gemacht, der nächste werde sicher auch einen guten machen. Dann entschuldigt er sich, er muss jetzt noch einkaufen, sagt er. Der Visionär mag gehen, das Geschäft geht bei Apple weiter.

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