ORTSTERMIN : Grau und grün

Laura Höflinger

Berlin - Seinen größten Erfolg beschert dem Grünen-Chef Cem Özdemir am Donnerstag die Firma Apple. „Ich teste das papierlose Büro“, sagt er und hält ein iPad-Gerät hoch. Darauf landet nun alles, was Özdemir früher noch ausgedruckt hätte. Anerkennendes Nicken bei den Gästen im Berliner Ludwig-Erhard-Haus: Regenwälder schützen und dafür die neueste Technik nutzen. Den Mitgliedern vom Verein der Berliner Kaufleute und Industriellen (VBKI) gefällt offenbar gut, was Özdemir da erzählt. Dass der Wirtschafts-Verein gerade einen Grünen zu sich eingeladen hat, findet aber auch Geschäftsführer Udo Marin überraschend: „Ein Grüner im Haus, und die Wirtschaft ist nicht standesgemäß entsetzt“, sagt er.

Noch vor wenigen Jahren war das undenkbar: Die Öko-Partei frühstückt mit Wirtschaftsvertretern Lachsbrötchen. Damals besetzten Grüne schon mal aus Protest eine Entsorgungsanlage von Bayer. Heute ist Klimaschutz Mainstream, und die Grünen sind es auch: Rund 20 Prozent Zustimmung haben Meinungsforscher für die Partei ermittelt.

„Wir wollen keine Kampfansagen mehr“, sagt Özdemir und lächelt. Nur nicht den Fünf-Mark-für-einen-Liter-Benzin-Fehler aus den 90ern wiederholen, soll das heißen. Deshalb klingen Grünen-Forderungen heute eher so: „Wir wollen eine Win-Win-Situation.“ Green New Deal heißt das Schlagwort dazu: Ökologie, die sich rechnet. Mit grünen Ideen soll sich Geld verdienen lassen, viel Geld sogar. Millioneninvestitionen in erneuerbare Energien verspricht Özdemir seinen Zuhörern.

Doch der Widerstand sitzt an diesem Donnerstag links am Rand: „Einen Trittin als Bundeskanzler; das stelle ich mir gut vor“, ruft ein Mann ironisch dazwischen. Ergrautes Haar, schwarzer Anzug, Krawatte – so wie die meisten der Teilnehmer. „Besser als jetzt“, kontert Özdemir. Gelächter. Witze gegen die Bundesregierung funktionieren hier gut, vor allem gegen die FDP. Und Westerwelle-Witze sogar noch besser als Sprüche über Lafontaine.

Die Forderung der Grünen nach einem höheren Spitzensteuersatz erwähnt Özdemir lieber nur kurz. So wirklich gefragt hat ihn auch keiner. Sein Publikum klatscht am Ende auch so laut genug. Oder gerade deswegen.

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