Ortstermin : Liberale Hausmannskost

Anna Sauerbrey beobachtet, wie Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle versucht, an einer Berliner Haupt- und Realschule Unternehmergeist zu verbreiten.

von
Jordan_Bruederle
Hoher Besuch. Rainer Brüderle mit der Schulleiterin Ruth Jordan. -Foto: dpa

Ja, er sieht aus wie im Fernsehen. Die in Raum 302, ganz oben in dem alten Backstein-Gebäude an der Belziger Straße, versammelten Schüler nicken. Eben hat Andreas Korn von der ZDF-Kindersendung „Logo“ den, so wörtlich, „Superstar“ der Veranstaltung eingeführt und festgestellt, dass der so betitelte Rainer Brüderle von der FDP ganz seinem Fernseh-Ich entspricht. Im Laufe der Veranstaltung wird deutlich: Überhaupt ist Rainer Brüderle an diesem Donnerstagvormittag ganz er selbst.

Dass ein Bundeswirtschaftsminister sich mit Haupt- und Realschülern trifft, kommt selbst in Berlin, wo keine Schule vor medienwirksamen Ministerauftritten sicher ist, nicht alle Tage vor. Die Riesengebirgsschule in Schöneberg wurde nun vom ministerialen Stab ausgewählt, um Lehrmaterial vorzustellen, das das Bundeswirtschaftsministerium gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung erarbeitet hat und das an insgesamt 8500 Schulen verteilt werden soll. Der Titel: Traumberuf Chef. Das Anliegen: Schulabgänger zum Schritt in die Selbstständigkeit zu ermutigen. Der Besuch ist Teil der Gründerinitiative des Wirtschaftsministeriums.

Für den ministerialen Besuch hat sich die Schule hübsch gemacht. In der ersten Reihe sitzen Schüler in Jacket und Hemd, der Catering-Service, eine von drei Schülerfirmen an der Schule, trägt Schürzen. Den großen Flachbildschirm, auf dem ein Imagefilm zur Kampagne gezeigt wird, und das große Transparent, das den Hintergrund für die Fernsehbilder liefert, hat der ministeriale Stab mitgebracht. Und diese professionelle Ausrüstung steht dann doch im Kontrast zu der etwas abgeschabten Schuleinrichtung.

Im Gespräch mit den Schülern allerdings ist die große Diskrepanz zwischen der Welt des Ministers und der der Schüler kaum spürbar. Brüderles onkelhaft-joviales Auftreten kommt gut an. Zwar fällt die ein oder andere Erklärung etwas trocken aus, etwa, wenn der Minister über „die Begrenzung von Konkursverfahren auf nicht mehr als drei Jahre“ spricht oder von sich selbst als „BUNDESwirtschaftsminister“. Doch Brüderle macht es wett, indem er die pfälzische Gemütlichkeitskarte spielt. Er erzählt, dass er mal Tierarzt werden wollte. Er verspeist mit Appetit die von den Schüler-Caterern präparierten Häppchen und verspricht, den Service auch einmal für das Ministerium zu ordern. Er bekennt sich zur Kohlroulade und bestärkt nachhaltig eine Schülerin, die ein Restaurant mit deutscher Hausmannskost aufmachen möchte. Insgesamt dürfte seine Botschaft angekommen sein: Deutschland hat zu wenig Gründer. Und: „Wir brauchen mehr von euch, die mitmachen.“

Diese alte liberale Schule findet sich auch im mitgebrachten Unterrichtsmaterial. Das in den Lektionen gezeichnete Unternehmerbild ist überaus positiv, fast ein bisschen altbacken. Es ist das des mutigen Unternehmers, der seine Idee aus Leidenschaft vertritt, durch faire Konkurrenz faire Preise herbeiführt, Verantwortung übernimmt und für den der Kunde König ist. Das Unternehmerbild des „blutrünstigen Ausbeutertypen“ möchte Brüderle auch gern korrigiert wissen. „Unternehmer sind Menschen, die Arbeitsplätze schaffen. So schlicht ist das.“

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar