ORTSTERMIN : Sarrazin ins Kanzleramt?

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Gut bewacht von Polizei und Personenschützern waren die rund 200 Gäste, die sich am Abend im Erhard-Haus einfanden. Um die Gemeinschaftswährung sollte es gehen, moderiert von einem, der meint, Europa brauche den Euro nicht. Doch Thilo Sarrazin, der als „Volkswirt und gelegentlicher Agent Provocateur“ vorgestellt wurde, blieb ganz in der Rolle des Moderators. „Heute Abend muss ich mich ja nun absolut zurückhalten, was ich natürlich auch tun werde“, erklärte er dem Publikum vorab.

Und so plätscherte die Debatte „Der Euro gerettet – Deutschland ruiniert?“, zu der der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) geladen hatte, artig dahin. Können die Krisenländer wieder wettbewerbsfähig werden, ohne die Möglichkeit der Abwertung einer eigenen Währung? Ist es richtig, dass die Europäische Zentralbank Staatsanleihen von Euro-Ländern kauft, und welche Risiken birgt das? Wie steht es um die Preisstabilität?

Das Podium, so bemerkte Berlins Ex-Finanzsenator Sarrazin, sei nicht fair zusammengesetzt. Drei Skeptiker – Ex-EZB- Chefvolkswirt Jürgen Stark, der liberale Ökonom Philipp Bagus sowie „ganz links, von mir aus gesehen,“ Bernd Lucke, Mitbegründer der Partei Alternative für Deutschland (AfD) – stünden einem Befürworter entgegen: Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank.

Besonders Lucke erntete Applaus aus dem vornehmlich älteren Publikum. Er kritisierte die Euro-Rettung im Hinblick auf die Äußerungen von EZB-Chef Draghi, im Notfall sei man zu allem bereit. Das Sicherheitsnetz des Rettungsschirms beruhige zwar die Finanzmärkte, wirke zugleich aber wie ein „Freibrief für fiskalisch unsolides Verhalten.“ Daher müsse die Nicht-Beistandsklausel in den EU-Verträgen erneuert werden. „Es darf keine weitere Haftung für Schulden anderer Staaten geben“, sagte der Parteivorsitzende. Schmieding hielt dagegen, dass Griechenland, Irland, Spanien und Portugal „Spitzenreiter“ bei den Wirtschaftsreformen seien. „Die tun was“, sagte derVolkswirt.

Während Lucke gleich die Auflösung des Währungsraumes forderte, plädierte Stark im Goldberger Saal nur für einen geordneten Euro-Austritt der Länder, die die Anpassung nicht schaffen – allerdings mit finanzieller Hilfe von EU und Internationalem Währungsfonds. „Wäre es so tragisch, wenn der Euro auseinanderbräche?“, fragte Sarrazin, und lockerte so zum Schluss endlich die Runde. „Es wird kein Auseinanderbrechen des Euro geben, solange Deutschland und Frankreich dahinterstehen“, beschwichtigte Stark.

Das Publikum hatte sich offenbar mehr von Sarrazin erhofft – eine Frau rief ihn auf, der AfD beim Einzug ins Parlament zu helfen. Ein anderer Gast fragte, ob er für sie als Kanzlerkandidat antreten wolle. Sarrazin ließ sich nicht provozieren: „Weitere solcher Fragen sind nicht zugelassen“, antwortete er brüsk.

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