ORTSTERMIN : Von Bären und Sozialdemokraten

von

Mehr war nicht zu erwarten. „Ich bin überrascht, wie sympathisch und liebenswürdig Sie sind“, sagt ein älterer Zuhörer, der nach der Rede von Sigmar Gabriel ans Mikro getreten ist. Das Lob kommt unerwartet in diesem Kreis: Rund 200 Unternehmer und Manager sind auf Einladung der Initiative Hauptstadt Berlin gekommen, um sich den SPD-Bundesvorsitzenden aus der Nähe anzuschauen. Der dunkel getäfelte Ballsaal des Grand Hyatt ist schon stickig, als es nach rund zwei Stunden ans Buffet geht. Aber die Stimmung ist gelöst, obwohl Gabriel seinem Publikum einiges zumutet.

Der Spitzensteuersatz müsse wieder steigen, insistiert er und bekommt – Applaus. Gegen Reiche habe er ja nichts, er wäre selber gerne reich, aber man dürfe nicht nur an sich denken. „Wir müssen ein Bündnis derjenigen schmieden, die sich für das Land einsetzen.“ Auch auf seinen Ruf nach einer Vermögensteuer kommen keine Buhrufe. Schließlich stamme die Idee von Konrad Adenauer und Ludwig Erhard, entkräftet Gabriel Einwände vorab. Aus Thilo Sarrazins Buch liest er Passagen vor, die ungläubiges Gelächter hervorrufen. Soll der Bundesbanker raus aus der SPD? Na klar, keine Frage.

Sogar als Gabriel gegen die schweren Geländewagen vor der Tür wettert, bekommt er Applaus. In Berlin seien 75 Prozent dieser Spritfresser steuerlich begünstigte Dienstwagen: „Viagra in Chrom“, sonst nichts. „Ich habe ja nichts gegen Viagra. Man weiß ja nie was noch kommt“, witzelt er und während sich die Herren noch auf die Schenkel schlagen, fügt er die fiskalische Pointe hinzu: „Viagra muss man selber bezahlen.“

Das große politische Tagesthema sind aber die längeren Laufzeiten für Atomkraftwerke. Es fügt sich gut, dass Gabriel als ehemaliger Bundesumweltminister in dem Thema drin ist. Von Emissionshandel, Grundlast, Effizienzgraden redet er, von Chancen und Geschäftsmodellen, bis die Zweifel an dem Energiekonzept der Bundesregierung im Publikum unübersehbar sind. Und wieder Applaus.

Es gibt keine Frage, auf die ihm keine Antwort einfällt – nur bei einer bleibt er vage: Ob er den Eisbären Knut, für den er einst die Patenschaft übernahm, noch manchmal sehe, will ein Zuhörer wissen. „Nicht aus nächster Nähe“, windet Gabriel sich. Denn PR-Gags sind Geschichte.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben