Wirtschaft : Ost-Wachstum 1998 unter Westniveau

In den neuen Bundesländern hinken Dienstleistungen vor allem qualitativ hinterher

BERLIN (kö/dpa).Die gesamtwirtschaftliche Lage in den neuen Ländern hat sich nach Einschätzung führender Wirtschaftsinstitute im Verlauf des Jahres 1997 nur leicht gebessert.Das reale Bruttoinlandsprodukt habe in Ostdeutschland um zwei Prozent zugenommen und sei damit unter der Rate von 2,5 Prozent in den alten Ländern geblieben.Auch 1998 dürfte das Wachstum schwächer ausfallen als im Westen, stellen das Berliner Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, das Kieler Institut für Weltwirtschaft und das Institut für Wirtschaftsforschung Halle in einem gemeinsamen Bericht fest. Zwar gewinnen in der Industrie die positiven Einflüsse an Gewicht, aber die Bauwirtschaft sehe sich weiter einer schrumpfenden Nachfrage gegenüber.Nachdenklich stimme auch, daß die in der Vergangenheit recht kräftige Dynamik im Dienstleistungssektor in letzter Zeit deutlich nachgelassen habe.Die Chancen für Dienstleister stiegen allerdings in dem Maße, wie der wirtschaftliche Neuaufbau in den neuen Bundesländern an Breite gewinne.Wenn, wie sich jetzt abzeichne, das verarbeitende Gewerbe die Produktion kräftig ausweiten könne, erhielten auch die produktionsnahen Dienstleistungen Auftrieb. Laut Bericht der Forschungsinstitute kam neben der Bauwirtschaft dem Dienstleistungssektor eine Schlüsselrolle beim Aufbau einer Wirtschaftsbasis in Ostdeutschland zu.Die Privatisierung kam hier schneller voran als in der Industrie.Auch die vielen Existenzgründungen hätten zu einer kräftigen Steigerung der Beschäftigung beigetragen.Allerdings müsse sich die Wirtschaftspolitik künftig auf den Abbau staatlicher Regulierungen konzentrieren, um Hindernisse für eine stärkere Dynamik des Dienstleistungssektors zu beseitigen, so die Institute.Ostdeutschland weise gegenüber Westdeutschland noch immer einen großen Rückstand bei der Produktivität auch bei Dienstleistungen auf.Bisher hätten sich in den neuen Bundesländern vor allem Dienstleistungen vergleichsweise gut entwickelt, bei denen der Marktzugang zwar einfach sei, aber in der Regel nur niedrige Einkommen erzielt werden könnten. "Höherwertige" Dienstleistungen seien in den neuen Bundesländern dagegen noch immer relativ schwach vertreten.Über alle Wirtschaftszweige hinweg entfielen auf Ostdeutschland auf je 1000 Einwohner 245 Erwerbstätige mit einem Dienstleistungsberuf, in Westdeutschland 289 Personen. Der Grundstücks- und Wohnungsbereich habe in Ostdeutschland - gemessen an der Bevölkerungszahl - deutlich mehr Erwerbstätige mit Dienstleistungsberufen als in Westdeutschland.Überdurchschnittlich sei ebenfalls der Besatz mit Architekten- und Bauingenieurbüros.Auch einfache produktionsnahe Dienstleistungen hätten ein vergleichweise großes Gewicht.Dazu zählten Schutz-, Wach- und Botendienste sowie Reinigungsdienste. Bei konsumnahen Diensten seien Straßenreinigung, Körperpflege oder Wäschereien überrepräsentiert.Dagegen sei die Medienwirtschaft - ein Zweig mit anspruchsvollen Qualifikationsanforderungen - kaum präsent.Eine besondere Lücke gebe es auch bei der Rechts- und Wirtschaftsberatung, Werbeagenturen, privaten Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen und EDV-Dienstleistungen. In regionaler Hinsicht seien - gemessen an der Zunahme der Beschäftigung - die Umlandkreise von größeren Städten Gewinner des Anpassungsprozesses.

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