Wirtschaft : Ostdeutsche Wirtschaft holt auf

BERLIN/BONN (AP/ADN).Die ostdeutsche Wirtschaft ist nach Einschätzung führender Wirtschaftsinstitute auf dem richtigen Weg.Der Kern für eine moderne Industrielandschaft sei vorhanden, aber das Hauptproblem bleibe die unzureichende Leistungskraft der Industrie.Es werde wohl noch viel Zeit brauchen, bis ein zufriedenstellendes Niveau bei Produktion und Beschäftigung erreicht sein wird, schreiben das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, das Institut für Weltwirtschaft Kiel und das Institut für Wirtschaftsforschung Halle in einem gemeinsamen Bericht.Die Infrastruktur sollte noch einige Jahre kräftig ausgebaut und die Sonderförderung für Unternehmen nach 2004 eingestellt werden.

Die 1997 eingetretene Abschwächung des Wirtschaftswachstums unter die westdeutsche Rate sei maßgeblich auf den Rückgang des Baugewerbes zurückzuführen.Dadurch werde aber verdeckt, "daß inzwischen das verarbeitende Gewerbe kräftig expandiert und, wie es aussieht, zu einer eigenständigen Wachstumsdynamik findet".Das zeige, daß der industrielle Neuaufbau auf breiter Basis gut vorankomme."Das paßt nicht zu einem Mezzogiorno-Szenario." Inzwischen gebe es eine beachtliche und stetig wachsende Zahl von Industrieunternehmen, die voll wettbewerbsfähig seien.Sie hätten die Produktionskapazität modernisiert, die Sortimente erneuert, seien auch auf überregionalen Märkten präsent, in Kooperationsnetzwerke eingebunden und betrieben erfolgreich Forschung und Entwicklung.

Nicht zu übersehen sei auch, daß es zahlreiche Unternehmen gebe, die nicht aus der Verlustzone herauskämen.Dies sollte nicht als Schwächesymptom gewertet werden.Vielmehr sei es normal, daß unrentable Betriebe aufgeben müßten.Der Aufschwung in der Industrie stehe jetzt auf einem breiteren Fundament als noch vor einigen Jahren.Allerdings sei der Produktivitätsrückstand zum westdeutschen verarbeitenden Gewerbe - gemessen am Umsatz je Beschäftigten - mit über 30 Prozentpunkten noch immer beträchtlich.Den neuen Kapitalstock beziffern die Institute auf knapp 78 Mrd.DM.Die Kapitalintensität belaufe sich unter Zugrundelegung der Beschäftigtenzahl von 1996 auf 143 000 DM.Im westdeutschen verarbeitenden Gewerbe war ein Arbeitsplatz mit Anlagewerten von 255 000 DM ausgestattet.

Die Wirtschaftsförderung habe alles in allem die Weichen richtig gestellt, stellen die Institut fest.Vorrangig bleibe weiter der Ausbau der öffentlichen Infrastruktur.Dem etwa auf dem Wege einer Reformierung des Länderfinanzausgleichs Mittel zu entziehen, hieße, auf dem eingeschlagenen Weg stehen zu bleiben."Statt auf die Bremse sollte noch für einige Jahre auf das Gaspedal getreten werden." Die bis 2004 festgeschriebene spezielle Unternehmensförderung sollte danach in einer gesamtdeutschen Regionalförderung aufgehen.Ein weiteres Festhalten könnte Subventionsmentalität erzeugen.

Die meisten ostdeutschen Regierungen blicken unterdessen optimistisch in die Zukunft, auch was den Arbeitsmarkt angeht.Alle Regierungen wandten sich in einer Umfrage jedoch entschieden gegen einen weiteren Abbau des Solidaritätszuschlags.Die ostdeutsche Industrie kommt vor allem in Sachsen und Thüringen wieder in Schwung.In Sachsen sei der Umsatz im verarbeitenden Gewerbe bis Mai im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 20,5 Prozent, der Export sogar um rund 50 Prozent gestiegen, sagte Wirtschaftsminister Kajo Schommer (CDU).Auch Thüringen sieht Anlaß für vorsichtigen Optimismus für das nächste Jahr.Brandenburgs Wirtschaftsminister Burkhard Dreher (SPD) sieht die ostdeutsche Wirtschaft ebenfalls im Aufwärtstrend.Die Industrie löse die Bauwirtschaft als Schrittmacher für den Aufbau Ost ab."Das braucht seine Zeit, aber der Tiefpunkt ist überwunden." Auch die Berliner Wirtschaftsverwaltung sieht Ende 1998 die Arbeitslosenzahl im Osten unter 1,4 Mill.liegen.Das Bild der wirtschaftlichen Dynamik im Osten werde noch vom Baugewerbe und dem Einzelhandel getrübt.In Mecklenburg-Vorpommern entwirft Sozialminister Hinrich Kuessner (SPD) dagegen eine weniger optimistische Perspektive.Die Arbeitslosenquote werde bis Ende 1998 im ostdeutschen Schnitt sogar wieder auf 20 Prozent steigen.

Der Bundesbeauftragte für die neuen Länder, Rudi Geil (CDU), begrüßte den Anpassungsbericht der Wirtschaftsinstitute.Zunehmend werde die Industrie zum Wachstumsmotor des Aufbaus Ost."Wir werden am Ende dieses Jahres in Ostdeutschland 100 000 Arbeitslose weniger haben als Ende 1997", so Geil.

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