Wirtschaft : Ostdeutsche Wirtschaft noch von der DDR geprägt

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Das "gewaltige wirtschaftliche West-Ost-Gefälle" innerhalb Ostdeutschlands wird das eigentliche politische Problem des künftigen Aufbau Ost sein. Diese Ansicht vertrat der Sprecher des Vorstandes der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), Hans Reich, in Berlin. Die Politik müsse sich diesem Problem "viel stärker widmen als bisher", um nach dem Beitritt Polens "unangenehme" Überraschungen zu vermeiden, warnte er.

Das große Ost-West-Gefälle im Osten ist eines der Ergebnisse einer Studie zu den Ursachen für die sehr unterschiedliche Entwicklung ostdeutscher Regionen, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) für die KfW geschrieben haben. Sehr überraschend sei, wie sehr die ostdeutsche Wirtschaftsstruktur noch immer vom Erbe der DDR geprägt sei, sagte Reich. Positiv habe sich das in Dresden und Eisenach ausgewirkt, die auf der Mikroelektronik- und Automobilbau-Tradition aufbauen konnten. Regionen wie Rostock oder Teile Sachsen dagegen litten noch immer unter der Abhängigkeit von Problem-Branchen wie Schiffbau und Textil.

Es gebe jedoch immer mehr Regionen, die sich trotz schlechter Startbedingungen gut entwickelten. Zum Beispiel Wismar: Dort sei als zweites Standbein neben dem Schiffbau eines der modernsten Holzverarbeitungszentren Europas mit rund 1000 Jobs entstanden. Entscheidend sei die schnelle Sanierung von Gewerbeflächen und die Wirtschaftsfreundlichkeit der Verwaltung, speziell der seit Jahren amtierenden Bürgermeisterin, heißt es in der Studie. Auch der Kreis Salzwedel im Norden Sachsen-Anhalts habe sich, trotz schlechter Verkehrsverbindungen, positiv entwickelt, vor allem durch Zulieferungen an VW und Betriebsverlagerungen aus dem Westen. Dies zeige, dass "regionale Wirtschaftsentwicklung nicht nur Schicksal, sondern auch durch Eigeninitiative bestimmt ist", sagte Reich. Entscheidend sei viel weniger die Förderpolitik der Länder als die Initiative der Kommunen, sehr hilfreich seien regionale Leitfiguren wie Jenoptik-Chef Lothar Späth, die Interessen bündelten sowie "Aufbruchstimmung und Selbstvertrauen" vermittelten. Viele Potenziale seien "noch nicht ansatzweise in die Hand genommen worden", meint Reich. So habe etwa Leipzig, das unter dem Zusammenbruch von Bergbau und Schwermaschinenbau leidet und nun den Wandel zum Dienstleistungszentrum versuche, dafür hervorragende Voraussetzungen.

Insgesamt sei der Aufbau Ost aber weiter vorangekommen, als die verbreitete Larmoyanz vermuten lasse, resümierte Reich. Der Aufholprozess sei keineswegs ins Stocken geraten. Anlass zur Hoffnung gebe vor allem das Verarbeitende Gewerbe, das 2000 um gut acht Prozent zugelegt hatte. Ein erhebliches Wachstumspotenzial liege hier bei den Sektoren, die auf überregionalen Märkten aktiv seien. Die regionalen Märkte hingegen, etwa der Einzelhandel oder Finanzdienstleistungen, seien im Osten mittlerweile gesättigt. Im Übrigen habe sich die Produktivitätslücke zwischen den alten und den neuen Bundesländern wesentlich schneller verringert als erwartet. "Die Lücke zwischen Ost und West schloss sich um durchschnittlich fünf Prozent jährlich", sagte Reich. Nach den Erfahrungen in anderen Ländern habe man von nur zwei Prozent ausgehen müssen. Die Arbeitsproduktivität Ost habe sich von 1991 bis 2000 von 41 auf 69 Prozent des Westniveaus erhöht. Das Bruttoinlandsprodukt stieg von 1991 bis 2000 von 33 Prozent auf 60 Prozent des Westniveaus an.

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