Wirtschaft : Ostdeutschland auf der Kippe? (2): Hoffnung auf die jungen Häuslebauer

Robert Ide

Der Empfang im Internet ist erstklassig. Mit aufwendigen Trailern und bunten Bildern empfängt die thüringische Stadt Altenburg ihre Besucher im Netz. Für potenzielle Investoren gibt es sogar eine Extraseite, auf der sich die Stadt als "Trumpf im Osten" verkauft. In Bezug auf die Geschichte mag der selbstbewusste Spruch zutreffen - schließlich wurde in Altenburg das Skatspiel erfunden. Doch wirtschaftlich hat die Region keineswegs die besten Karten. Die Arbeitslosigkeit liegt bei fast 23 Prozent, viele Menschen wandern ab.

"Mit staatlicher Hilfe ist da nicht mehr viel zu machen", sagt Andreas Maruschke vom Erfurter Wirtschaftsministerium. Altenburg liege an der Peripherie des Bundeslandes, zu weit weg von den wirtschaftlichen Zentren Erfurt, Jena und Eisenach. 2694 Menschen haben allein 1999 dem Kreis Altenburger Land den Rücken gekehrt, 80 Prozent davon gingen in andere Bundesländer. Dem Abgang steht ein Zuzug von lediglich 1861 Menschen gegenüber. Seit Jahren blutet die Region aus, Besserung ist nicht in Sicht.

Thüringen hat mehrere solcher Problemgebiete. Auch Gera und Suhl leiden unter Bevölkerungsschwund, besonders von jungen Leuten. Kleinere Städte wie Artern - in der DDR trotz fehlender ökonomischer Basis zur Kreisstadt aufgewertet - haben kaum Möglichkeiten, Einwohner zu halten. Im Februar 1998 machte Artern Schlagzeilen: Mit 32,7 Prozent wies die Stadt die höchste Arbeitslosigkeit bundesweit aus. Nur durch massive Förderprogramme konnte die Quote gedrückt werden. Dennoch hat heute fast jeder Vierte in Artern keinen Job.

Aber Thüringen hat auch Vorzeige-Regionen. Besonders die New Economy sorgt dafür, dass das Bundesland mit 15,1 Prozent derzeit die niedrigste Arbeitslosenquote Ostdeutschlands vorweisen kann. So hat der Computer-Hersteller Fujitsi kräftig in Sömmerda investiert, in Jena schießen Biotech- und Optikfirmen aus dem Boden. Rund um das Vorzeigeprojekt Jenoptik ziehen kleine junge Firmen neue Fachkräfte aus ganz Europa an. Selbst die alten Elektroniker des DDR-Betriebs Robotron sehen wieder Perspektiven - für Abwanderung besteht kein Grund mehr. Im Gegenteil, 769 zusätzliche Einwohner wurden 1999 in Jena registriert. Auch Eisenach, wo in den Automobilbau investiert wurde, kann seit mehreren Jahren zulegen. Kein Wunder, dass sich die Einwohnerzahl Thüringens nicht so dramatisch verringert hat wie in anderen ostdeutschen Bundesländern: In den vergangenen fünf Jahren sank sie lediglich um 50 000 (siehe Grafik).

Die meisten Wegzüge hatte Thüringen sowieso im Zuge des Umbruchs 1990 zu verkraften. In jenem Jahr verließen fast 66 000 Menschen das Land, immerhin zweieinhalb Prozent der Bevölkerung. Ein derzeitiger Saldo von 4000 Wegzüglern jährlich ist schon eher zu verkraften. Trotzdem, an eine baldige Trendumkehr will auch die Erfurter Landesregierung nicht glauben. "Investoren und Arbeitskräfte anzulocken ist ein langwieriger Prozess", sagt Maruschke. Verbesserungen in der Infrastruktur und Wirtschaftsförderung würden nicht ausreichen, um Menschen langfristig zu binden. Gerade für junge Leute würden "weiche Standortfaktoren" eine immer wichtigere Rolle spielen: Sie wollen Lebensqualität und Kultur geboten bekommen. Wenn sie sich langweilen oder keine Entwicklungschancen mehr sehen, ziehen sie in die Metropolen.

In Weimar scheint sich die verstärkte Konzentration auf das Lebensumfeld bereits auszuzahlen. Als die Stadt im Jahre 1999 Kulturhauptstadt war, machten Bund und Land eine halbe Milliarde Mark locker. Das Geld floss nicht allein in den Häuser- und Straßenbau, sondern diente auch der Errichtung von Spaßbädern oder der Rekonstruktion von Kultureinrichtungen. "Die Menschen müssen sich wohl fühlen", meint Maruschke, "sonst sind sie nicht zu halten." Und wenn zum Wohlfühlen ein Spaßbad gehört, müsse das eben gebaut werden.

Auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) in Erfurt befürwortet diesen Kurs. "Wir müssen den Menschen ein Stück Heimat bieten", fordert Hans-Alfred Lott, der bei der IHK für Arbeitsmarktpolitik zuständig ist. Er schlägt vor, jungen Menschen günstige Kredite für den Hausbau anzubieten. Demnach sollten Land und Arbeitgeber die Ansparsummen für einen Bausparvertrag übernehmen. Interessenten könnten dann ohne Startkapital in ein Eigenheim ziehen, das vorgeschossene Geld würden sie langfristig abbezahlen. Derzeit verhandeln IHK und Landesregierung über den Plan. Lott sieht Chancen, denn er weiß: "Wenn die Leute erst ihr Häuschen haben, bleiben sie im Lande."

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