Wirtschaft : Ostdeutschland auf der Kippe? (5): Die alten Länder werben Sachsen-Anhalt sogar die Lehrer ab

Eberhard Löblich

Seit 1993 trägt Sachsen-Anhalt die Rote Laterne bei den Arbeitslosenzahlen vor sich her. Da lag die Erwerbslosenquote bei 17,3 Prozent. Von 1997 an betrug sie im Jahresdurchschnitt gleichbleibend 21,7 Prozent, erst im Jahr 2000 sank sie dem Trend folgend auf 19,7 Prozent.

Statt auf gute Konjunktur dürfte der Rückgang auf Abwanderung zurückzuführen sein. Allein 1999 hat das Land 13 870 Einwohner verloren. Zum 31. Dezember 1999 lebten dort 2,65 Millionen Einwohner. "Nach der Vorausberechnung sinkt die Einwohnerzahl bis 2010 unter 2,5 Millionen und bis 2050 auf unter zwei Millionen Einwohner", teilt das Statistische Landesamt mit. Mit steigender Lebenserwartung werde sich trotz langsam wieder zunehmender Geburten auch die Altersstruktur in der Bevölkerung ändern. Die Statistiker befürchten eine Verdoppelung der über 65jährigen von 16 auf 31 Prozent bis zum Jahr 2050.

"Es sind gerade qualifizierte junge Leute, die dem Land den Rücken kehren", klagt man in der CDU-Fraktion. Und von denen würden nur wenige bem Aufbau einer beruflichen Existenz scheitern und nach Sachsen-Anhalt zurückkehren. Mit 0,8 Prozent sei das Wirtschafstwachstum 1999 geringer als im Agrarland Mecklenburg-Vorpommern, sagt ihr wirtschaftspolitischer Sprecher Detlef Gürth. "Sachsen-Anhalt hat erneut den Anschluss an die wirtschaftliche Entwicklung verpasst." Seit 1995 sei die Zahl der Jobs um mehr als 130 000 zurückgegangen, von 1998 auf 1999 um 17 000. Was nicht zuletzt daran lag, dass die DDR-Bezirke Magdeburg und Halle, aus denen nach der Wende das Land Sachsen-Anhalt wieder gebildet wurde, so monostrukturell geprägt waren wie keine andere Region der ehemaligen DDR sonst. Während im Süden des heutigen Bundeslandes die Petrochemie die Struktur bestimmte, war es in der Region Magdeburg der Schwermaschinen- und Anlagenbau. Gerade diese Branche hatte aber zur Wendezeit mit einer internationalen Absatzkrise und entsprechenden Überkapazitäten zu kämpfen. Die großen Kombinate der Region Magdeburg waren im globalen Wettbewerb nicht wettbewerbsfähig. Und im Süden Sachsen-Anhalts produziert zum Beispiel Elf Aquitaine weitgehend automatisch. Folge: die Facharbeiter verlieren den Anschluss, dem Land droht eine Qualifizierungslücke.

Die dramatische Situation dürfte sich noch verschärfen. Denn Berufsverbände und Personalräte raten Lehrern, dem Land den Rücken zu kehren. "Junge Lehrer haben keine Perspektive in Sachsen-Anhalt", sagt Klaus-Dieter Sett vom Hauptpersonalrat im Kultusministerium. Zahlreiche Lehrer sind den Abwerbungen westlicher Bundesländer bereits gefolgt.

Auch innerhalb des Landes sind Wanderungsbewegungen zu verzeichnen. Die drei Oberzentren Magdeburg, Halle/Saale und Dessau verlieren Einwohner ans eigene Umland. Förderung in nennenswertem Umfang gibt es deshalb fast nur noch bei Wohnungserwerb und Eigenheimbau in den Mittel- und Oberzentren, Sanierung von Altbaubestand wird stärker gefördert als Eigenheim-Neubau. Die Städte hingegen versuchen, junge Familien mit erschlossenem Bauland zu binden. "Doch was nutzt einer jungen Familie der preiswerte Baugrund", fragt ein Magdeburger Stadtratsmitglied von Bündnis 90/Die Grünen, "wenn der Job nicht da ist, aus dessen Einkommen sie Grunderwerb und Eigenheimbau finanzieren kann?" Im Rahmen einer bevor stehenden kommunalen Gebietsreform erhoffen die Verwaltungsspitzen von Ober- und Mittelzentren nun, die verloren gegangenen Schäflein und die damit verbundenen Finanzzuweisungen des Landes durch Eingemeindung zurückzugewinnen.

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