Wirtschaft : Ostdeutschland auf der Kippe? (6): Die Metropole vertraut auf ihre Anziehungskraft

Sigrid Kneist

Berlin diskutiert zur Zeit engagiert über die Notwendigkeit von Zuwanderung. Ins Gespräch brachte dieses Thema Anfang der Woche Stadtentwicklungssenator Peter Strieder. Er sah die Dynamik der Stadt gefährdet, wenn nicht in den nächsten zehn Jahren rund 200 000 Ausländer zuziehen würden. Auch die Arbeitgeberverbände und Kammern sind überzeugt: "Berlin braucht die Zuwanderung von jungen, leistungsfähigen und qualifizierten Arbeitnehmern."

In der Tat: Die Zahl der Einwohner ist in den letzten Jahren in Berlin gesunken - von 3,45 Millionen im Jahr 1995 auf 3,34 Millionen im Jahr 2000. Diese Entwicklung hat aber nichts mit einer Abwanderungsbewegung aus der Stadt zu tun, sondern ist auf demographische Fakten zurückzuführen. Auf dem Arbeitsmarkt wird sich der Geburtenrückgang nach Angaben des Landesarbeitsamtes vom Jahr 2008 an auswirken. Dann wird es nur noch rund 31 000 Schulabgänger geben, die eine Ausbildung beginnen werden - gut 5000 weniger als in diesem Jahr. Schon seit einiger Zeit fordern deswegen die Arbeitsämter die Unternehmen auf, bereits jetzt über Bedarf auszubilden.

Zwar sind auch viele junge Berliner Familien in den letzten Jahren ins Umland nach Brandenburg gezogen, weil sich dort der Traum vom Einfamilienhaus und dem Wohnen im Grünen eher verwirklichen ließ. Gleichzeitig sind aber auch Menschen wieder nachgezogen, Weggang und Zuzug halten sich in der Stadt in etwa die Waage. Der Berliner Wirtschaft sind die nach Brandenburg gezogenen Arbeitskräfte ohnehin erhalten geblieben. Jetzt pendeln sie vor allem aus dem so genannten Brandenburger Speckgürtel in die Stadt. Ungefähr jeder zehnte Arbeitsplatz in Berlin ist inzwischen mit einem Brandenburger besetzt. 123 000 Brandenburger kommen also täglich in die Stadt. In umgekehrter Richtung sind rund 53 000 Berliner unterwegs.

Dass die in Berlin lebenden Fachkräfte der Stadt künftig den Rücken zuwenden und in die alten Bundesländer abwandern könnten, das befürchten aber weder Arbeitgeberorganisationen, Kammern, Arbeitsämter noch der Senat. Ganz im Gegenteil. Alle Verantwortlichen gehen eher davon aus, dass die Stadt in den kommenden Jahren an Anziehungskraft gewinnen wird. "Berlin ist auf dem Weg zur politischen Metropole, und das wirkt sich auch auf die Wirtschaft aus", sagt Manfred Kern-Nelle, Chefvolkswirt bei der Berliner IHK. Gerade in den Wachstumsbranchen in Berlin - vor allem auf dem Dienstleistungssektor - werde die Stadt zunehmend attraktiv. Berlin sei von der westdeutschen Konjunkturentwicklung keineswegs abgekoppelt, auch wenn es noch viele Probleme gebe.

Das drückendste ist die nach wie vor hohe Arbeitslosigekeit, die im vergangenen Jahr bei durchschnittlich 15,8 Prozent lag. Und davon waren beide Stadthälften gleichermaßen betroffen. Denn die Stadt erlebte in den vergangenen zehn Jahren gewaltige Umwälzungen. In West-Berlin fielen durch den Abbau der Berlin-Förderung viele Industriearbeitsplätze weg; die "verlängerte Werkbank" hatte ausgedient. Und in Ost-Berlin brach die Industrie ebenfalls zusammen. Allein in den letzten fünf Jahren sind insgesamt 120 000 Arbeitsplätze weggebrochen: Am deutlichsten ist der Arbeitsplatzabbau im verarbeitenden Gewerbe. Hier fielen 52 600 Stellen weg. Ein weiteres Sorgenkind ist das Baugewerbe (minus 44 200 Stellen). Auch die angespannte Lage der staatlichen Haushalte wirkte sich aus: Im öffentlichen Dienst wurden seit 1995 31 700 Stellen abgebaut. Demgegenüber verzeichnet der gesamte Dienstleistungsbereich Zuwächse: Hier gab es in den vergangenen Jahren ein Plus von 47 000 Stellen, und auch bei Verbänden und Vereinen gab es ein Stellenplus (6600). Die Sogkraft der Hauptstadt wird diese Bereiche auch weiterhin zu Wachstumsbranchen werden lassen, davon zeigen sich die Fachleute überzeugt. Mit diesem Artikel beenden wir unsere Serie über die Bevölkerungsentwicklung in Ostdeutschland.

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