Wirtschaft : Osteuropa geht das Geld aus

Weil Banken ihr Engagement reduzieren, droht eine Kreditklemme.

Stefan Menzel(HB)

London - In Osteuropa wird das Geld knapp. Denn westeuropäische Geldhäuser fahren ihr Engagement im Osten zurück, weil sie auf ihren Heimatmärkten mit genug eigenen Problemen zu kämpfen haben und die verschärften Eigenkapitalvorschriften erfüllen müssen. „Die Kapitalrückflüsse sind recht dramatisch“, warnte Erik Berglöf, Chefvolkswirt der Osteuropabank EBRD, am Wochenende auf der Jahrestagung des Instituts in London. Die EBRD, vor gut 20 Jahren von den wichtigsten Industrieländern als Förderbank für Osteuropa gegründet, will das Schlimmste verhindern und warnt deshalb vor einer Kreditklemme („Deleveraging“).

Westeuropäische Banken sind die dominierende Kraft in Osteuropa. Je nach Land schwankt der Marktanteil westlicher Institute etwa aus Österreich, Italien, Griechenland oder Schweden zwischen 75 und 80 Prozent. In extremen Fällen wie Kroatien oder Bosnien sind es sogar annähernd 100 Prozent. Vor der Finanzkrise haben die westlichen Banken glänzend im Osten verdient und die Länder ausreichend mit Krediten versorgt.

Der scheidende EBRD-Präsident Thomas Mirow (siehe Kasten) hält den westlichen Banken immerhin zugute, dass sie ihre Kredite in Osteuropa langsam und nicht auf einen Schlag zurückfahren. „Es ziehen sich besonders die Banken zurück, für die Osteuropa tendenziell nur ein Randgeschäft ist“, sagte Mirow ebenfalls auf der EBRD-Jahrestagung. So hatte etwa die Commerzbank angekündigt, dass sie sich in Osteuropa auf Polen beschränken wollte.

Schon seit zwei Jahren versucht die EBRD, in den osteuropäischen Ländern eigene Kapitalmärkte in lokaler Währung aufzubauen. Das soll die Abhängigkeit von den westlichen Banken – und damit letztlich vom Euro – reduzieren. Doch die Osteuropabank kommt damit nur langsam voran, weil das Wirtschaftswachstum in der Region inzwischen deutlich schwächer als vor der Finanzkrise ausfällt. Und damit können nicht genügend Ersparnisse erwirtschaftet werden, mit denen sich lokale Kapitalmärkte aufbauen ließen.

Vor der Finanzkrise waren jährliche Wachstumsraten von fünf Prozent und mehr der Normalfall in Osteuropa. Für 2012 rechnet die EBRD in den meisten zentral- und osteuropäischen Staaten gerade noch mit einem Wachstum von gut einem Prozent. Einige Länder wie Ungarn, Slowenien und Kroatien werden sogar wieder in eine Rezession hineinrutschen.

Nicht nur bei der EBRD, sondern auch in den betroffenen Ländern selbst wachsen die Sorgen wegen der Kreditklemme. „Das Deleveraging ist ein klarer Risikofaktor für die osteuropäischen Länder“, sagte der ungarische Notenbank-Chef Andras Simor in London. Er empfiehlt den Staaten der Region, dass sich die nationalen Finanzmarkt-Regulatoren besser untereinander abstimmen und so einen Gegenpol zu den westlichen Banken bilden.

Geschäftsbanken verteidigen sich gegen die Vorwürfe der EBRD und der Währungshüter. „Wir haben weniger ein Problem mit dem Deleveraging als vielmehr mit einer schwachen Kreditnachfrage“, erklärte in London Gianni Franco Papa, Osteuropa-Chef von Unicredit, dem wichtigsten und größten Institut in der Region. So sei etwa der Kreditbedarf der privaten Haushalte extrem zurückgegangen.

Besser sei hingegen die Lage bei den Unternehmen. Dort gebe es immerhin noch eine gewisse Nachfrage nach Krediten. Gianni Franco Papa musste allerdings eingestehen, „dass die Banken bei ihrer Kreditvergabe konservativer werden.“

Zusätzliche Sorgen gibt es auf dem Balkan, wo griechische Banken besonders stark vertreten sind. Sollte es zu einem Euro-Austritt Griechenlands kommen, sind die Folgen für die griechischen Bankfilialen in Serbien, Rumänien und Bulgarien unabsehbar. „Es wird eine Verteidigungslinie aufgebaut“, sagte EBRD-Chefvolkswirt Berglöf. Die Finanzmarktaufseher der betroffenen Länder stünden bereits in regelmäßigem Kontakt etwa mit dem Internationalen Währungsfonds, um für den Fall der Fälle gewappnet zu sein. Stefan Menzel(HB)

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