Wirtschaft : Ostindustrie streicht noch mehr Stellen

Ifo-Institut: Abbau von 20.000 Arbeitsplätzen trifft vor allem Frauen München/Berlin (dpa/ddpADN/Tsp).In der ostdeutschen Industrie fallen nach einer Umfrage des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in diesem Jahr erneut etwa 20 000 Stellen weg.Im Jahresdurchschnitt dürften die Betriebe nur noch etwa 570 000 Personen beschäftigen, 1990 lag die Zahl der Industriebeschäftigten noch bei fast 2,8 Millionen."Die Talfahrt der Beschäftigtenentwicklung im verarbeitenden Gewerbe ist immer noch nicht zum Stillstand gekommen", heißt es in der Ifo-Auswertung vom Montag; im Januar waren 684 Industriebetriebe mit über 92 000 Beschäftigten befragt worden.Unterdessen sagte Bundeskanzler Helmut Kohl in Bonn, er rechne "natürlich" mit einer positiven Trendwende auf dem Arbeitsmarkt, und zwar Ende diesen Jahres oder Anfang 1998.Kohl hatte in der vergangenen Woche während seiner Australien-Reise mit der Einschätzung für Wirbel gesorgt, daß 1997 keine Beschäftigungswende zu erwarten sei.Dem widersprach umgehend die FDP, die davor warnte den politischen Druck für Reformen zu mildern.FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle bekräftigte am Montag die Möglichkeit einer Trendwende noch in diesem Jahr.Die Politik müsse jetzt zügig handeln und die "richtigen psychologischen Signale" senden, meinte Westerwelle. Das Ifo-Institut teilte weiter mit, vom Stellenabbau in der ostdeutschen Industrie seien in erster Linie die Verwaltungsbereiche betroffen, entsprechend sei das Risiko für Frauen besonders hoch."Der Arbeitsmarkt für weibliche Arbeitnehmer in der ostdeutschen Industrie dürfte sich auch im laufenden Jahr noch ungünstiger entwickeln als der für Männer", heißt es im Ifo-Bericht.Der Rückgang der Frauen-Beschäftigung sei nach wie vor besonders hoch bei den rationalisierungsanfälligen Stellen in den Bereichen Chemie und Mineralölverarbeitung sowie im Metallbereich.1997 soll "immer noch in jedem dritten Industriebetrieb die Zahl der Verwaltungsbeschäftigten reduziert werden." Insgesamt ging im Jahresdurchschnitt 1996 in Ostdeutschland die Zahl der Erwerbstätigen um gut 100 000 auf 6,28 Millionen zurück. Aus der Befragung geht nach Ifo-Angaben hervor, daß in den neuen Bundesländern der Aufholprozeß sechs Jahre nach der Vereinigung immer mehr an Kraft verliert."Ein sich selbst tragender Wachstumsprozeß konnte nicht angestoßen werden." Zum gesamtdeutschen nominalen Bruttoinlandsprodukt trug die ostdeutsche Wirtschaft 1996 nur 11,2 Prozent bei, bei realer Rechnung nur 9,3 Prozent.In diesem Jahr rechnet die ostdeutsche Industrie der Befragung zufolge aber wieder mit einem Anstieg der Produktion um zehn (1996: sechs) Prozent. Überdurchschnittlich wollen vor allem größere Betriebe (über 200 Beschäftigte) ihre Produktion 1997 steigern.Bei den Industriebereichen liegen die Hersteller von Investitionsgütern und Nahrungs- und Genußmitteln an der Spitze.Nach Bundesländern gestaffelt wurde für Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin Ost ein Zuwachs bei der Industrieproduktion von elf Prozent 1997 vorhergesagt.In Sachsen-Anhalt und Thüringen wird ein Plus von zehn Prozent und in Sachsen von acht Prozent erwartet. Ebenfalls am Montag teilte der DGB mit, die "beschäftigungspolitischen Verzerrungen auf dem Arbeitsmarkt" hätte sich im vergangenen Jahr "erstmals wieder zu Lasten der neuen Länder verschärft".Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sei hier mit 2,3 Prozent doppelt so stark gesunken wie im Westen.Dabei war die Beschäftigtenentwicklung im Osten Berlin nach einer Analyse des DGB-Bundesvorstands am ungünstigsten: Hier sackte die Beschäftigtenzahl im letzen Jahr um 4,1 Prozent, während die Arbeitslosigkeit (14,1 Prozent) "stärker anstieg als in allen anderen Regionen", heißt es in einer Mitteilung des DGB.Relativ gut war die Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern, der Beschätigungsrückgang war hier mit 1,4 Prozent deutlich geringer als im Osten insgesamt.

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