Wirtschaft : Otmar Issing: Der Ökonom des Euro wird 65 Jahre

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Man nennt es den Thomas-Becket-Effekt. Oder anders gesprochen: Institutionen formen Personen. Der Würzburger Ökonomie-Professor Otmar Issing war kein Freund einer einheitlichen europäischen Währung. Der Chefökonom der Deutschen Bundesbank, Otmar Issing, war es auch nicht. Sein Argument: Eine Einheitswährung befördere die wirtschaftspolitische Zentralisierung in Europa. Das müsse zu Lasten der Flexibilität der Märkte gehen. Heute sagt Issing, der Chefökonom der Europäischen Zentralbank: "Der Euro ist eine außerordentlich stabile Währung, stabiler als zum Beispiel die Mark während der meisten Zeit ihrer 50-jährigen Existenz." Ein Konvertit ist Issing deswegen gewiss nicht. Und wenn er von Stabilität redet, dann meint er Binnenstabilität, nicht den Wechselkurs. Zum Außenwert, zur Euroschwäche, fällt dem EZB-Chefökonomen auch nicht viel ein. Aber das ist gut. Fiele ihm öffentlich mehr ein, hätte das womöglich sofort Rückwirkung auf den Kurs des Euro. Heute ist Issing der starke Mann der EZB. Er bürgt dafür, dass die EZB vieles von der monetaristischen Tradition und politischen Unabhängigkeit der Bundesbank bewahrt hat.

Einen Namen als Wissenschaftler hat Issing sich schon in den 80er Jahren gemacht. Nicht erst als Mitglied im Sachverständigenrat hat er viel dazu beigetragen, dass damals über Angebotspolitik geredet wurde und die Wirtschaftspolitik zumindest den Anlauf zu einer liberalen Wende genommen hat. Issing tritt bescheiden auf, kann in der Sache aber knochenhart sein. Der Sohn eines Gastwirts in Würzburg hat nach dem Abitur zunächst Altphilologie studiert, bevor er zur Ökonomie schwenkte. Heute ist er, wiewohl als Chefökonom in der zweiten Reihe hinter Präsident Wim Duisenberg, einer der mächtigen Männer in Europa. Sein Vertrag bei der EZB läuft bis zum Jahr 2006. Am heutigen Dienstag feiert er seinen 65. Geburtstag.

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