Wirtschaft : Otto Ogiermann

(Geb. 1912)||Jesuiten gegen Verwüstung. Ein Kampf „mit fortlaufendem Erfolg“.

David Ensikat

Jesuiten gegen Verwüstung. Ein Kampf „mit fortlaufendem Erfolg“. Jesuwitter müsset Ihr in eure lender nicht dulden; sein Deuffels!” Das empfahl der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. seinem Sohn Friedrich, den man später „den Großen“ nennen sollte. Der war zwar alles andere als ein Katholik, doch an die Empfehlung hielt er sich nicht. Die Jesuiten waren keine Staatsfeinde, sie leisteten gute Erziehungsarbeit – warum sollte man sie verbieten?

Erich Honecker duldete die Jesuiten in seinem Reich gewiss nicht wegen der Erziehungsarbeit, die sie leisteten. Eher schon, weil sie nur noch so wenig Erziehungsarbeit leisteten. Dass sie Staatsfeinde waren, fiel kaum jemandem auf.

Unter Walter Ulbricht war das noch anders. Da reisten Otto Ogiermann und seine Mitbrüder durchs Land und predigten gegen die Verwüstung der Seelen im atheistischen Staat an.

Es gab nicht sehr viele Jesuiten in der DDR, in Ogiermanns Leipziger Kommunität waren es vier, manchmal auch fünf. Die führten allerdings ein reges Leben. Acht Monate in jedem Jahr waren sie unterwegs, an 20 Orten in jedem Monat machten sie Station. Ihre Predigten hatten sie im Winter vorbereitet.

Nehmen wir Otto Ogiermanns Predigt aus dem Jahr 1956. „Wem wird der Mensch geweiht?“ hieß sie und handelte von dem Atheisten-Ritual namens „Jugendweihe“. Da stand der Jesuit auf der Kanzel und rief mit seiner tiefen, durchdringenden Stimme, die so gar nicht zu dem kleinen, dünnen Männlein passte, solche Sätze: „Gehorsam gegen Gott bedeutet aber Gehorsamsverweigerung allem gegenüber, was gegen Gott ist. Was sich gegen Gott stellt, was Gott nicht ehrt, was ihm Ehre raubt, das ist auf Seiten des Satans!“ Dann sprach er über römische und griechische Götzendienste – „Ihnen gilt nur eins, das entschlossene Nein, das ,Ich widersage‘ “ – und alle wussten, dass der Cäsar inzwischen Ulbricht hieß und sein Götzendienst Jugendweihe.

Das waren Zeiten! Die Kirchen waren voll, wenn die Jesuiten kamen. Die fuhren nur Bahn, niemals mit dem Auto. Denn sie fanden, es sei nicht statthaft im Krankenhaus zu liegen, anstatt den Kampf gegen den Antichrist zu führen. Mit dem Auto hätten sie, übermüdet wie sie waren, andauernd Unfälle gebaut. Dessen waren sie sich bei allem Gottvertrauen sicher.

Der Ulbrichtstaat beobachtete die Wanderjesuiten mit großem Misstrauen, es sollte gar einen Schauprozess geben – der fiel jedoch aus, weil der Hauptangeklagte rechtzeitig flüchten konnte.

Der Konflikt zwischen den Jesuiten und dem Staat entspannte sich schließlich wie von selbst. „Wir predigen mit fortlaufendem Erfolg“, stellte Otto Ogiermann irgendwann fest. Die Betonung lag auf dem Fortlaufen. Die Prediger hatten in den Fünfzigern noch Dome füllen können, irgendwann waren es kaum mehr die Pfarrsäle.

Fernsehen, Sozialistenpropaganda, die Moderne: Lauter Widrigkeiten, gegen die selbst die Jesuiten machtlos waren, die „schlauen Jungs“, wie Kirchenleute sie gern nennen. Denn sie setzen das „S J“ hinter ihren Namen; es steht eigentlich für „societas jesu“.

Mit Beginn der siebziger Jahre endete die große Reiserei. Otto Ogiermann und seine Leipziger Mitbrüder konzentrierten sich nun aufs Bücherschreiben und -herausgeben, sie hielten Vorträge in Priesterseminaren und vertraten kranke Pfarrer. Sie führten ein Leben, das mit der DDR nicht viel zu tun hatte. Sie wohnten sehr komfortabel, alle vier in einer Wohnung, die Räume waren herrschaftlich, die Dielen knarrten, die Bücher stapelten sich bis unter die Decke. Besuch wurde von einer der beiden Haushälterinnen eingelassen und in die Bibliothek geführt. Dort wartete man, bis der verlangte Pater, stets in Schwarz gekleidet, mit weißem Hemdkragen, erschien.

Otto Ogiermann war derjenige unter den Patres, der der Welt am zugewandtesten erschien. Ein freier Geist, der andere Meinungen einholte, und eigene hinterfragte. Selbst ein Dozent für Marxismus/Leninismus war Gesprächspartner und Freund. Was nicht hieß, dass Otto Ogiermann je etwas für Kuschelkonzepte übrig gehabt hätte, wie etwa jenes, das die Evangelischen „Kirche im Sozialismus“ nannten.

Die Fronten blieben klar. Doch da die wenigen Katholiken in der DDR unter sich blieben, behelligte der Honeckerstaat sie kaum noch. Als jemand Pater Ogiermann warnte, die Stasi belausche sie bestimmt, sagte der: „Wissen Sie, man darf uns ruhig abhören, ich wäre sogar froh darüber, denn dann könnte man feststellen, wie ungefährlich wir im Grunde genommen sind.“

Er wandte sich tatsächlich einem Thema zu, das in der DDR wenig verfänglich war, dem Schicksal tapferer Kirchenmänner unter den Nazis. Er selbst hatte damals großes Glück gehabt. Die Wehrmacht entließ ihn als „n. z. v.“ – Jesuiten waren verdächtig, also „nicht zu verwenden“. Und sein Orden weihte ihn lange vor der Frist zum Priester, als das Gerücht umging, die Studenten seines Jesuitenkollegs sollten allesamt verhaftet werden. So überstand er die Kriegszeit dann als Kaplan an einer Kirche am Berliner Ostkreuz.

Otto Ogiermann kam nach Berlin zurück, als seine Kommunität in Leipzig geschlossen wurde. 1994 war das. Seine letzten Jahre verbrachte er am Peter-Faber- Kolleg in Kladow, einer Ausbildungsstätte für Jesuiten mit angeschlossenem Altersheim. Er blickte zufrieden auf ein gutes Leben zurück, und mit seiner Zukunft schien er auch im Reinen. „Jetzt heißt’s: Marsch in die Ewigkeit“, verkündete er kurz vor seinem Tod.

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