Wirtschaft : Otto stolpert über US-Börsengesetze

Die SEC ermittelt gegen den Milliardär, dem das Versandhaus Spiegel und die Kette Eddie Bauer gehören

Mitchell Pacelle,Matthew Karnitsching

Von Mitchell Pacelle

und Matthew Karnitsching

Michael Otto, einer der reichsten Männer Deutschlands, stand noch nie im Kreuzfeuer öffentlicher Ermittlungen. Doch nun muss sich der öffentlichkeitsscheue Milliardär und Chef des weltgrößten Versandhändlers Otto kritischen Fragen in den USA stellen. Gegenstand der Ermittlungen sind das US-Versandhaus Spiegel und dessen Bekleidungsgeschäftskette Eddie Bauer. Die Unternehmen gehören zum Privatvermögen der Familie Otto und haben mit dem Hamburger Versandhauskonzern direkt nichts zu tun.

In den vergangenen Wochen musste Michael Otto gegenüber der US-Wertpapieraufsicht SEC aussagen. Gleichzeitig rang (und ringt) er um einen Vergleich mit Gläubigern. Sowohl die SEC als auch die Gläubiger verlangen Auskunft, warum Otto die Gesellschaft 15 Monate davon abgehalten hat, Quartalsberichte zu veröffentlichen, bevor Spiegel im vergangenen Jahr Insolvenz anmeldete. Die Gläubiger wollen Spiegel übernehmen, falls Otto ihnen nicht mehr als eine Milliarde Dollar (800 Millionen Euro) zahlt. Wie geriet Michael Otto in das Kreuzfeuer der Ermittler?

Ein Vorzeigeunternehmer

Dem 60-jährigen Vorzeigeunternehmer, der 2001 vom „Manager-Magazin“ zum Manager des Jahres gekürt und wegen seines Umweltengagement vielfach gelobt wurde, gehören gemeinsam mit seiner Familie 89 Prozent des Versandhauses Spiegel und sämtliche Stimmrechte. Der restliche Unternehmensanteil ist in der Hand amerikanischer Aktionäre – und damit unterliegt Spiegel der US-Wertpapieraufsicht.

Otto – ein großer, schlanker Mann, der zur Entspannung meditiert – will sich zu den Anschuldigungen nicht äußern. Sein New Yorker Anwalt Lawrence Iason sagt, Otto habe die Konsequenzen seines Tuns nicht genau verstanden und ihm sei nicht bewusst gewesen, dass er gegen US-Recht verstoße. „Mein Klient wollte keinen Betrug begehen und niemanden hintergehen“, sagt Iason. Und ein Vertreter der Gläubiger Ottos sagt: „Es scheint, dass es Otto und seinen deutschen Kollegen nicht klar war, was es heißt, ein Unternehmen in den Vereinigten Staaten zu besitzen“.

Das Debakel in den USA dürfte für Michael Otto eine sehr teure Lektion in Sachen US-Börsenrecht sein. Es hängt nun von seinen Verhandlungen mit den Gläubigern ab, ob er die Kontrolle über Spiegel und die Kette Eddie Bauer behält oder aus dem Debakel mit einem hohen Verlust hervorgeht. Die Otto-Familie war 1982 bei Spiegel eingestiegen. Fünf Jahre später verkaufte Michael Otto einen Teil des Unternehmens an Aktionäre. Eine Holdinggesellschaft, die in Hand der Familie Otto ist, behielt 89 Prozent der Aktien und alleiniges Stimmrecht.

Michael Otto fuhr in den USA einen aggressiven Expansionskurs. Er kaufte 1988 die Textilkette Eddie Bauer und eröffnete in den acht Jahren darauf 300 neue Geschäfte der Marke. Doch als sich die wirtschaftliche Lage verschlechterte, geriet Spiegel in eine Schieflage. Neben starken Umsatzrückgängen war vor allem die expansive Vergabe von Kundenkrediten der Grund. Zur Ankurbelung des Umsatzes hatte Spiegel über die hauseigene First Consumers National Bank massiv Kundenkredite vergeben und nun Mühe, die Schulden einzutreiben.

Michael Otto reagierte auf die Unternehmenskrise mit einer Personalentscheidung. Er machte Martin Zäpfel, bisher sein deutscher Verbindungsmann zu Spiegel, zum neuen Vorstandschef des Unternehmens.

Ende 2001 konnte Spiegel den Verpflichtungen gegenüber seinen Gläubigern – einem Konsortium aus 18 Banken, darunter Deutsche Bank, Dresdner Bank und Westdeutsche Landesbank – nicht mehr nachkommen. Der Wirtschaftsprüfer der KPMG warnte, er müsse in seinem Prüfbericht zur Bilanz die Zahlungsfähigkeit des Unternehmens anzweifeln, wenn sich Spiegel nicht mit den Banken auf eine Kreditverlängerung einige. Eine so genannte Liquiditätswarnung („Going-Concern Warning“) ist für jede Aktiengesellschaft ein furchtbare Vorstellung.

Im März 2002 flog der Spiegel-Chef Zäpfel mit zwei weiteren Managern nach Hamburg und informierte Otto über die zahlreichen Missstände im Unternehmen. Zäpfel legte einen detaillierten Bericht der Spiegel-Führungsspitze vor, darunter eine Liste mit allen Unternehmensproblemen, die „als erheblich angesehen werden dürften und eine Bekanntmachung erfordern". Im Bericht sei Michael Otto auch darauf hingewiesen worden, dass ein Unternehmen nach amerikanischem Gesetz zur Bekanntmachung solcher Fakten verpflichtet sei, heißt es im Untersuchungsbericht.

Otto war schockiert

Michael Otto sei schockiert gewesen. Der Jahresbericht von Spiegel stand wenige Tage bevor. Das Unternehmen habe die negativen Folgen einer Liquiditätswarnung, wie einen fallenden Aktienkurs, sinkende Umsätze und eine schlechte Stimmung bei den Mitarbeitern befürchtet, heißt es im Untersuchungsbericht. Die US-Anwälte von Spiegel warnten, dass die Verheimlichung der Unternehmens-Schieflage zu Ermittlungen der SEC führen könnte. Dennoch entschieden Michael Otto und Zäpfel, dass der Rückzug von der Technologiebörse Nasdaq, an der das Unternehmen bis dahin notiert wurde, einer Liquiditätswarnung vorzuziehen sei – selbst wenn das ein Verstoß gegen amerikanische Vorschriften sei, heißt es im Bericht.

Einige der US-Manager von Spiegel wurden unruhig. Bei einem Treffen im Mai 2002 teilten sie Zäpfel ihre Bedenken mit. Sie fürchteten eine strafrechtliche Verfolgung. Doch Michael Otto hinderte Spiegel weiter daran, die Unternehmensprobleme aufzudecken. Er habe Sorge gehabt, dass dies eine Kettenreaktion auslösen würde und das Unternehmen das Insolvenzverfahren einleiten müsse, sagte Michael Otto später den Ermittlern. Erst am 4. Februar, als SEC-Ermittlungen ins Haus standen, legte Spiegel seinen Jahresbericht für 2001 vor. Fünfzehn Monate waren seit dem letzten Finanzbericht vergangen.

Michael Otto will Spiegel nicht aufgeben. Doch nach US-Insolvenzrecht steht er als Aktionär hinter den Gläubigern zurück. Die Gläubiger haben Ansprüche von 1,3 Milliarden Dollar. Otto hat ihnen angeboten, ihre Kredite zu übernehmen und einen Vergleich über potenzielle Ansprüche zu schließen.

Bisher haben die Parteien keine Einigung erreicht. Unterdessen setzt die SEC ihre Ermittlungen fort. So musste Otto im Januar im Hamburger US-Konsulat aussagen. Inzwischen hat Spiegel 60 Eddie-Bauer-Geschäfte und 21 Spiegel-Outlet-Stores geschlossen. Die Schließung weiterer 28 Eddie-Bauer-Geschäfte steht bevor.

Wenn Michael Otto mit den Gläubigern keine Einigung erreicht, wollen die Spiegel-Berater einen Reorganisationsplan vorschlagen, bei dem Otto nicht die Kontrolle behalten würde. Zu den Optionen zählt ein Verkauf von Eddie Bauer. Die Otto-Familie würde für ihren Anteil wahrscheinlich nichts erhalten.

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