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Panikstimmung in Russland : Russland verkauft Devisen, um Rubel zu stützen

Der Rubel fällt - und die russische Regierung kann dagegen nur wenig tun. Eine Leitzinssenkung ist bereits verpufft. Jetzt verkauft das Finanzministerium Devisen.

Elke Windisch
Abwärts. Ihrem Geld trauen die Russen nicht mehr - die inoffizielle Leitwährung ist der Dollar.
Abwärts. Ihrem Geld trauen die Russen nicht mehr - die inoffizielle Leitwährung ist der Dollar.Foto: dpa

Als „erzwungen, aber richtig“, lobte Ex-Finanzminister Alexei Kudrin am Dienstag die Entscheidung der russischen Zentralbank, den Leitzins von 10,5 auf 17 Prozent anzuheben. Entlastung für den Rubel, dessen Wechselkurse gegenüber Dollar und Euro im letzten Halbjahr um fast 40 Prozent nachgaben, brachte der Beschluss indes nur kurzzeitig. Schon am Nachmittag setzte der Rubel seine steile Talfahrt fort und riss auch die Aktienkurse russischer Unternehmen mit in den Abgrund.

Die Talsohle, warnten Analysten, sei noch lange nicht erreicht. Wechselkurse, bei denen ein Dollar 100 Rubel kostet, seien vorstellbar. Am Dienstag kostete der Greenback – er und nicht der Euro ist in Russland inoffizielle Leitwährung – immerhin schon 64,45 Rubel. Für den Euro verlangten Wechsler sogar 78,87 Rubel. Ein Drittel mehr als auf dem Höhepunkt der weltweiten Finanzkrise 2009.

Am Mittwoch schließlich erklärte das Finanzministerium, zur Stützung des Rubel Devisenreserven zu verkaufen. Russland sei bereit, Devisen im Wert von sieben Milliarden Dollar auf den Markt zu werfen. Der Verkauf könne etappenweise erfolgen.

Der Schritt war nötig geworden, da in Russland mittlerweile eine Panikstimmung wie 1998 beim Bankencrash herrscht, als das Land nur knapp am Staatsbankrott vorbeischrammte. Wieder werden Rubelkonten massenweise aufgelöst, das Ersparte zunächst in harte Währung umgetauscht und dann im Bettkasten versteckt. Denn den Geldhäusern trauen die Russen so wenig wie dem Rubel. Obwohl diese von der Bankenaufsicht gerade erst zu einer massiven Aufstockung des Fonds für die Sicherung kleiner und mittlerer Guthaben verpflichtet wurden.

Für zusätzliche Irritationen sorgt, dass sich Rubelkurs und Ölpreis zwischenzeitlich auseinander entwickelt haben. Der Preis für das schwarze Gold zog vorübergehend wieder leicht an, den freien Fall des Rubels dagegen konnten bisher weder Leitzins-Erhöhung der Zentralbank noch deren Stützungskäufe abfedern.

Kritische Analysten machen für den Erdrutsch den staatlichen Ölförderer Rosneft mitverantwortlich. Das Management soll einen milliardenschweren Staatskredit zur Überbrückung von Liquiditätsengpässen – Folge westlicher Sanktionen – sofort nach Erhalt in harte Währung getauscht und damit die Interventionen der Notenbank „neutralisiert“ haben.

Putin sieht Spekulanten am Werk

Was derzeit mit dem Rubel passiert, habe mit Marktwirtschaft nichts zu tun und sei irrational, befand Sberbank-Chef German Gref und hoffte auf ein baldiges Ende der Turbulenzen. Kremlchef Wladimir Putin und Zentralbankchefin Elvira Nabiullina erklären die Misere mit einem Komplott von Spekulanten, die gegen Russland und den Rubel wetten. Ihnen werde bald die Puste ausgehen.

Finanzexperten indes sind nicht einmal mittelfristig optimistisch und erklären dies mit jahrelangen wirtschaftlichen Fehlentwicklungen. Sergei Alexaschenko, der während der Hyperinflation in den 90er-Jahren die Notenbank selbst als Vizechef steuerte, warnte im Moskauer Wirtschaftsblatt „rbk daily“ zudem, finanzielle Sanktionen des Westens würden stärker wirken als Kreml und Regierung zunächst angenommen hätten. Die Kapitalflucht nehme zu und das Defizit in der Außenhandelsbilanz könne Ende 2015 auf 300 Milliarden Dollar anschwellen. Für den Ausgleich müsste Russland seine Importe um das Fünffache drosseln – vorausgesetzt, der Ölpreis bleibt nicht unter 65 Dollar pro Fass.

Beim Krisenmanagement, fürchtet Alexaschenko, könnte der Kreml sich für das schlimmstmögliche Szenario entscheiden: Aussitzen und nach Feinden suchen, denen man die Schuld geben kann. Als akut gefährdet gilt daher nicht nur der Sessel der Zentralbankchefin, sondern auch der von Ministerpräsident Dmitri Medwedew.

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