Panne an US-Börsen : Maschinen an der Macht

Am Donnerstag brachen die US-Börsen urplötzlich ein. Doch genauso schnell wie die Aktien gefallen waren, schossen sie auch wieder hoch. Ein Computerfehler könnte die Ursache dafür gewesen sein - oder menschliches Versagen.

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Ins Bodenlose.
Ins Bodenlose.

Berlin - Die Nervosität an den Finanzmärkten hat sich am Freitag nach einer turbulenten Woche zugespitzt. Der Grund war aber weniger die Sorge um Griechenland und die Stabilität des Euro. Vielmehr versetzte ein dramatischer Kurssturz an der Wall Street – offenbar ausgelöst von elektronischen Handelscomputern – Anleger in helle Aufregung. In US-Medien wurden Erinnerungen an den Schock nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers geweckt. New York, so hieß es sogar, sei nach dem jüngst vereitelten Bombenanschlag innerhalb einer Woche ein zweites Mal nur knapp einer Katastrophe entkommen. In Asien und Europa wurden Aktien ebenfalls abgestoßen. Der Dax rutschte bis zum Handelsschluss um 3,3 Prozent auf 5715 Punkte ab. Auch die US-Börsen starteten erneut im Minus.

„Surreal, beängstigend, wild“ – selten haben Aktienhändler einen Börsentag so drastisch beschrieben wie am Freitag. Für viele Marktteilnehmer in Deutschland bot der Morgen ein böses Erwachen: An der US-Börse in New York hatte der Dow-Jones-Index in der Nacht zeitweise mehr als neun Prozent verloren. Ein Verlust von fast 1000 Punkten, der größte in der mehr als 100-jährigen Geschichte des Aktienindex. Dem Absturz binnen Minuten war eine ebenso schnelle Erholung gefolgt – nach 16 Minuten schien der Spuk vorbei. Am Ende blieb noch ein Minus von 3,2 Prozent.

Analysten und Marktbeobachter rätselten am Tag danach, wie es zu dieser Panikattacke an der Wall Street kommen konnte. Spekuliert wurde, dass ein Händler der US-Großbank Citigroup bei einer Verkaufsorder einen Fehler gemacht hatte – der dann in den Handelscomputern rasend schnell eine Kettenreaktion auslöste. Bei Aktien des Konsumgüterherstellers Procter & Gamble habe der Banker schlicht „den falschen Knopf gedrückt“, hieß es im US-Fernsehsender CNBC. Händlern zufolge soll die Order irrtümlich ein Volumen von 16 Milliarden Dollar gehabt haben – statt 16 Millionen Dollar. Die Aktie des Konzerns hatte daraufhin mehr als 36 Prozent verloren und den gesamten Markt nach unten gerissen. Ein Citigroup-Sprecher wies die Spekulationen zurück.

„Da muss etwas schiefgelaufen sein“, sagte Thomas Grüner, Analyst bei der Landesbank Berlin. Er führte die drastische Kursreaktion des Dow-Jones-Index auf den elektronischen Handel zurück, der in den USA verbreitet sei. „Das kann alles sehr schnell gehen, das Ausmaß ist bedenklich“, sagte Grüner. Andere Marktteilnehmer wurden deutlicher, wollten ihren Namen aber nicht in der Zeitung lesen: „Der Fall zeigt, was passiert, wenn die Computer an der Börse die Macht übernehmen“, sagte ein Analyst einer Großbank. „Hier hat nicht Lieschen Müller Aktien gehandelt, das waren Maschinen.“ Nur automatische Systeme kämen auf die Idee, eine solide Aktie in Sekundenschnelle bis auf einen Ramsch-Wert von 0,1 Dollar zu drücken und dann mit hohem Einsatz noch zu handeln. Dies geschah offenbar mit dem Papier des Beratungskonzerns Accenture: Gestartet mit einem Kurs von 42 Dollar, erlitt die Aktie zeitweise einen Totalverlust und notierte bei zehn US-Cent.

Nach dem Zwischenfall an der US- Börse wurden Forderungen nach einer strengeren Regulierung des Computerhandels laut. Es sei wieder die Gefahr deutlich geworden, dass „Hochgeschwindigkeitscomputer falsche Geschäfte generieren und am Markt Chaos erzeugen“, erklärte der demokratische Senator Edward Kaufman wenige Stunden nach Börsenschluss in den USA. Der „Kampf der Algorithmen“ sei für die Börsenaufsicht SEC nicht zu durchschauen und müsse daher „bald in einen sinnvollen Regulierungsrahmen eingebettet werden“.

43 Prozent des Umsatzes mit US-Aktien werden im elektronischen Turbohandel getätigt, in Europa laufen etwa 30 Prozent der Aktiengeschäfte über Hochgeschwindigkeitsnetze. Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim, forderte ebenfalls strengere Auflagen: „Wir müssen Regeln finden, wie wir mit der zunehmenden Abhängigkeit vom computergesteuerten Handel umgehen.“ Ein Sprecher der New Yorker Börse schloss am Freitag einen Computerfehler als Grund für den Vorfall aus: Es habe weder eine Panne noch technische Probleme gegeben. mit rtr

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