Wirtschaft : Paradies Berlin

In In China, Vietnam und Indonesien gilt Deutschland immer noch als Hort von Wirtschaftswunder und Wohlstand

Nora Luttmer/Sören Kittel

„Straßen aus Geld.

So habe ich mir

Deutschland

vorgestellt.“

Nguyen Van Minh (42), Vietnamese

„Mit einem deutschen Diplom habe ich bessere Chancen

als mit einem chinesischen.“

Juliane Huang (28),

Chinesin

Sie hoffen auf das große Geld, auf ein leichtes Leben. Deshalb kommen sie nach Berlin, aus China, Indonesien oder Vietnam in der Hoffnung, dass auch sie ein wenig vom ungeheuren Wohlstand dieses Landes profitieren. Zuhause werden sie vom Paradies berichten, selbst wenn es keines war.

Vor sieben Jahren kam Albert Gunawan aus Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens, nach Berlin. Außer dem Flugticket hatte er nur 1000 D-Mark in der Tasche. Das musste genügen. Denn das neue Leben, meinte die Familie, war leicht aufzubauen in Berlin, und Geld zu verdienen kein Problem. Auch heute ist Gunawan noch überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war. Doch nicht nur der Wohlstand lockte ihn. „Das Leben hier ist viel sicherer“, sagt er. Wer in Jakarta mit einem Handy durch die Straßen laufe, müsse ständig damit rechnen, überfallen zu werden.

Hier zu Lande Arbeit zu finden ist nicht so einfach, wie Gunawan sich das vorgestellt hatte. Dennoch: „Wenn ich nach Hause fahre, werde ich trotzdem Werbung für Deutschland machen. Denn selbst Fabrikarbeiter leben hier besser als Manager in Indonesien“, sagt der 27-Jährige. Schon nach zwei Tagen Tellerwaschen zum Mindestlohn verdiene er 100 Euro. Das entspricht dem Monatsgehalt eines Büroangestellten in Jakarta. Und davon kann sich ein Indonesier gerade mal ernähren – um die Miete zahlen zu können, braucht er einen zweiten Job.

Der Auswanderer Gunawan hat es geschafft. Mit Aushilfsjobs hält er sich in Berlin über Wasser – und studierte nebenbei sogar Betriebswirtschaft. Jetzt hat er den Abschluss in der Tasche – aber noch keine Stelle. Dabei möchte er gern hier bleiben. Seine Aufenthaltsgenehmigung kann er nur noch durch eine Hochzeit retten – mit einer Deutschen.

„Ein ordentliches Land mit einer starken Wirtschaft und gebildeten Menschen“ – so beschreibt die Chinesin Juliane Huang ihre Vorstellung von Deutschland. Dieses Bild habe sie früher immer nur aus Büchern und den chinesischen Medien gewonnen. Doch sie wollte das Land mit eigenen Augen sehen. Deshalb lebt und studiert die 28-jährige seit zwei Jahren in Hamburg. Ihr Deutschlandbild hat sich nicht geändert. Es war aber nicht allein Neugier, die sie hierher gebracht hat. „Mit einem deutschen Diplom habe ich bessere Chancen als mit einem chinesischen“, glaubt sie. Obendrein seien die Erfahrungen im Ausland hilfreich. Wenn sie später in einer deutschen Firma in China arbeite, könne sie besser mit den deutschen Vorgesetzten umgehen und verstehen, was diese erwarten.

Deutsch hat Juliane Huang bereits vor Jahren in der Schule gelernt. „Sicher hätte ich auch Englisch wählen können“, sagt sie. Aber jeder junge Mensch in China lerne mittlerweile Englisch. „Es ist besser, etwas Ausgefallenes zu lernen, denn dann ist es einfacher, einen guten Job zu finden.“ Insbesondere in ihrer Heimatstadt Qingdao seien deutsche Sprachkenntnisse gefragt. „Es gibt mehrere deutsche Firmen dort“, erzählt sie. „Und obwohl die Stadt einmal deutsche Kolonie war, haben die Deutschen einen sehr guten Ruf.“ Nicht nur wegen ihrer Hilfe beim Aufbau der Industrie. Die Tsingtao Brauerei braue heute nur noch mit deutscher Technik – und nach deutschem Rezept.

„Straßen aus Geld“ fasst Nguyen Van Minh (Name geändert) seinen Traum von Deutschland zusammen. „Ich war sicher, ich würde in Berlin schnell viel Geld verdienen.“ Deshalb lieh er sich vor sechs Jahren 6000 Dollar für Schleuser, die ihn von Vietnam nach Berlin brachten. Heute versteht er das selbst nicht mehr, zuckt nur noch mit den Schultern. Die Schulden hat er abbezahlt. Dafür hat er auf der Straße Zigaretten verkauft, in Restaurants Gemüse gehackt und in Supermärkten Kisten ausgepackt. Gewohnt hat er als Untermieter für 50 Euro im Monat bei einem anderen Vietnamesen. Im Hinterzimmer, auf einem Matratzenlager, wo mit ihm zehn, oft bis zu zwanzig Vietnamesen hausten.

Eine eigene Wohnung konnte er nicht mieten, denn er lebt illegal in Berlin. An diesem Abend feiert der 42-Jährige Abschied. „Mein Erspartes reicht, um einen Getränkeladen im Dorf aufzumachen. Und es reicht, um nicht als Versager dazustehen.“ Denn das wäre eine Blamage: arm aus dem Land der goldenen Straßen heimzukehren. Vor seiner Abreise hat Minh sich fotografieren lassen: vor dem schwarzen Mercedes eines Politikers in Mitte, vor einem renovierten Haus in Charlottenburg, vor dem modernen Asien-Supermarkt „Vinh Loi“ in der Rheinstraße in Steglitz. Denn einmal will auch er ein Held sein. Die Dorfbewohner sollen seinen Geschichten aus Berlin lauschen: vom Job in einem bedeutenden Import-Export-Laden, vom eigenen Haus, vom weiß gekachelten Bad. Die Fotos hat er in Plastik einschweißen lassen, damit sein Ruhm die salzige Meeresluft und die feuchten Hände der Nachbarn lange überlebt.

„Selbst Fabrikarbeiter

leben in Berlin besser

als Manager zuhause“

Albert Gunawan (27),

Indonesier

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