Wirtschaft : Partnerschaft mit Hindernissen

Europa und Lateinamerika wollen mehr miteinander handeln – können sich aber nicht einigen

Michael Schmidt

Lateinamerika boomt. Wachstumsraten von vier bis acht Prozent sind die Regel. Die Rohstoffe, Agrarerzeugnisse und zunehmend auch Industrieprodukte der Region sind auf dem Weltmarkt heiß begehrt. Der Außenhandel Lateinamerikas, schoss 2006 um atemberaubende 20 Prozent nach oben. Hinzu kommen steigende Investitionen und ein zunehmender Binnenkonsum.

Offenbar haben vom Aufschwung erstmals auch die Armen etwas. 40 Prozent der 550 Millionen Lateinamerikaner leben in Armut. Ihre Zahl ging nach Angaben der Vereinten Nationen um 0,8 Prozent zurück. Für das Jahr 2007 prognostiziert der Ibero-Amerika Verein (IAV) ein Wirtschaftswachstum von rund fünf Prozent – und das im vierten Jahr in Folge.

Diese Entwicklung wird auch in Deutschland und Europa aufmerksam beobachtet. Und die Wirtschaftsbeziehungen werden intensiver. Im Jahr 2005 erreichte der Handel der EU mit Lateinamerika ein Volumen von 118,3 Milliarden Euro, was einem Plus von 13 Prozent gegenüber 2004 entspricht.

Die Exporte nach Lateinamerika stiegen um 13,7 Prozent auf 54,4 Milliarden Euro, die Importe legten laut Eurostat um 12,4 Prozent auf 64 Milliarden Euro zu. Die wichtigsten Handelspartner Lateinamerikas in der EU sind: Deutschland, Spanien und die Niederlande. Die wichtigsten Handelspartner der EU in Lateinamerika sind: Brasilien, Mexiko, Chile, Argentinien und Venezuela.

Doch das gegenseitige Verhältnis ist nicht frei von Irritationen. Die Lateinamerikaner würden gerne die Wirtschaftsbeziehungen ausbauen. Bisher aber sind die Verhandlungen über eine Senkung der EU-Agrarsubventionen und -Zölle im Rahmen der sogenannten Doha-Welthandelsrunde ergebnislos geblieben. Die Industriestaaten verlangen von den Entwicklungsländern, dass sie ihre Märkte stärker für ausländische Industrieprodukte öffnen. Im Gegenzug fordern diese den Abbau handelsverzerrender Agrarhilfen in den Industriestaaten. Seit November gibt es wieder Treffen in den zuständigen WTO-Ausschüssen. Der Wille zu einer Einigung ist also offenbar da. Und mit dem bevorstehenden Treffen der Weltwirtschaftselite in Davos auch die Aussicht auf neue Impulse. Beobachter wie Marita Wiggerthale von der Nichtregierungsorganisation Oxfam sind dennoch skeptisch. Denn keiner der Beteiligten sei bereit, ein neues Angebot vorzulegen.

Angesichts steigender Energiepreise werfen die Europäer ein Auge auf den Ressourcenreichtum Lateinamerikas. Venezuela und Bolivien könnten vielleicht die Abhängigkeit Europas von seinen traditionellen Öl- und Gaslieferanten verringern. Noch allerdings ist die Rolle Lateinamerikas für Europas Energieversorgung bescheiden: Mexiko an der Spitze der Rohölexporteure zum Beispiel deckte 2004 gerade einmal 1,7 Prozent der EU-Importe ab. Hinzu kommt, dass China den Südkontinent als Rohstofflieferanten entdeckt hat. In den vergangenen Jahren investierten chinesische Firmen dort einen dreistelligen Milliardenbetrag in die Erschließung der Ressourcen.

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