Wirtschaft : Passagiere im Blindflug

Jetzt steht fest: Ab Montag wird die Lufthansa bestreikt. Doch Verdi will nicht sagen, an welchen Flughäfen

Heike Jahberg

Berlin - Wer in der nächsten Woche mit der Lufthansa fliegen will, braucht starke Nerven. Am Freitag gab die Gewerkschaft Verdi wie erwartet bekannt, dass das Boden- und Kabinenpersonal der größten deutschen Fluggesellschaft ab Montag null Uhr in einen unbefristeten Streik treten wird. „Es wird erhebliche Störungen des Flugbetriebs geben“, sagte der Verhandlungsführer von Verdi, Erhard Ott, am Freitag in Berlin.

Das Problem für die Reisenden: Die Gewerkschaft will kurzfristig entscheiden, welche Standorte an welchen Tagen betroffen sein werden. Zwar wird die Lufthansa ihre Kunden mit einer Hotline und im Internet über die voraussichtlichen Verspätungen und Annullierungen informieren (siehe Kasten), „es kann aber sein, dass die Kunden erst am Flughafen erfahren, ob ihre Maschine startet“, sagte ein Lufthansa-Sprecher dem Tagesspiegel. Auch wer auf Kosten der Lufthansa mit der Bahn fahren will, muss erst zum Flughafen und sich dort einen Gutschein besorgen.

In Berlin-Tegel wird am Montag noch nicht gestreikt, sagte die zuständige Verdi-Vertreterin Doris Fiedler dem Tagesspiegel. Dann wolle man erst die Maßnahmen in der Hauptstadt abstimmen. Frühestens am Dienstag könne es daher auch in Berlin zu Arbeitsniederlegungen kommen. Dennoch müssen auch Passagiere in Tegel schon am Montag mit Problemen rechnen, falls sich wegen des Streiks an anderen Flughäfen Flüge nach Berlin verspäten oder gestrichen werden müssen. Besonders kritisch werden könnte es auf den Strecken nach Frankfurt am Main und München, über die die Lufthansa und ihre Partnergesellschaften auch den größten Teil ihrer Berliner Auslandspassagiere befördern.

Anders als beim Streik der nahezu vollständig organisierten Piloten sei die Lage jetzt wesentlich unübersichtlicher, warnte der Berliner Lufthansa-Sprecher Wolfgang Weber. Daher könne man die Auswirkungen auf den Flugbetrieb nicht vorhersehen.

Vom Streik sind auch Pauschalurlauber von Dertour, Meier's Weltreisen und dem ADAC betroffen. Sie sollen sich wegen möglicher Umbuchungen oder Ausfälle an den Veranstalter wenden (Telefon: 069/9588-5999). In der Reisebranche stößt der Streikaufruf auf Unverständnis. „Es kann nicht im Interesse der Beschäftigten sein, die zahlreichen Kunden durch massive Flugausfälle direkt zu schädigen und vielen Bürgern ihren Urlaub zu vermiesen“, kritisierte der Präsident des Deutschen Reisebüroverbands (DRV), Klaus Laepple. Verdi-Vorstandsmitglied Erhard Ott bat die Fluggäste um „Nachsicht und Verständnis“, machte jedoch Lufthansa-Konzernchef Wolfgang Mayrhuber für die Eskalation verantwortlich. Diese habe die Tür für Verhandlungen zugeschlagen.

Die Stimmung unter den Beschäftigten sei „explosiv“, betonte Ott. Bei der am Donnerstagabend zu Ende gegangenen Urabstimmung hätten 90,7 Prozent der Beschäftigten für einen Arbeitskampf gestimmt und zwar über alle Geschäftsfelder – Kabine, Technik, Catering, Systems, Cargo und Passage – hinweg. Allerdings wollte Verdi nicht mitteilen, wie viele der insgesamt 52 000 Beschäftigten in diesen Bereichen an der Abstimmung teilgenommen haben. Bei der Lufthansa geht man davon aus, dass nur ein „Bruchteil“ aller Arbeitnehmer für den Ausstand gestimmt hat.

Die Lufthansa forderte Verdi auf, wieder an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Das will die Gewerkschaft aber nur tun, wenn das Unternehmen ein verbessertes Angebot vorlegt. Verdi verlangt 9,8 Prozent mehr Lohn und will die Laufzeit des Tarifvertrags auf ein Jahr beschränken, die Lufthansa bietet für 21 Monate gestaffelt 6,7 Prozent und eine Einmalzahlung. Der Konflikt mit Verdi ist unabhängig vom Tarifstreit um die Piloten der Lufthansa-Töchter Cityline und Eurowings. Diese hatten bereits in dieser Woche gestreikt und damit 900 Flugausfälle verursacht. mit du-

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