Patente und Kaffee : Krieg der Kapseln

Rewe bietet Kaffee für Nespresso-Maschinen an – günstiger und biologisch abbaubar. Es geht um ein Millionengeschäft.

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Berlin - „What else?“, fragt Schauspieler George Clooney im Nespresso-Werbespot, bevor er das gläserne Tässchen an die Lippen setzt und trinkt. Ja, was sonst? Bis vor kurzem war Clooneys Frage rhetorisch gemeint, die exklusiv angebotenen Aluminiumkapseln hatten keine Konkurrenz. In die Nespresso-Maschinen passten nur Kapseln der Marke Nespresso. Auf dem französischen Markt gab es 2010 die ersten Konkurrenten, etwa das Unternehmen „Maison du Café“, das seit April vergangenen Jahres für Nespresso-Maschinen kompatible Kaffeekapseln anbietet. Seit vergangener Woche kann man die auch in Deutschland kaufen. In rund 3000 Rewe-Märkten werden Kapseln der Marke „Ethical Coffee Company“ (ECC) angeboten. Espresso heißen sie und sehen denen von Nespresso zum Verwechseln ähnlich. Form und Farbe unterscheiden sich kaum vom Original, wohl aber Preis und Material: Zehn ECC-Kapseln kosten 2,99 Euro, damit sind sie um 15 bis 25 Prozent günstiger als jene von Nespresso. Und sie sind kompostierbar.

Nespresso war Ende der 80er Jahre eine Automatenlösung für kleine Büros – und es wurde ein Luxusprodukt. Ähnlich wie Apple mit seinen iPhones, -Pods und -Pads hat Nestlé es geschafft, ein alltägliches Produkt cool erscheinen zu lassen. Dieses Lebensgefühl bezahlt der Kunde mit: Nespresso-Kapseln kosten zwischen 35 und 39 Cent, zu kaufen gibt es sie nur in ausgewählten Nespresso-Shops oder im Internet. Die Shops heißen nicht Shops, sondern „Boutiques“. Dort sind die Kapseln wie Schmuckstücke ausgestellt, es gibt Verkostungen und einen Carpe-Diem-Bereich. Die Kapseln erhält der Kunde in schicken schwarzen Tüten.

Bei Rewe stehen die Kapseln einfach im Regal. An den Decken summen Neonröhren. Eine Plastiktüte an der Kasse kostet zehn Cent. „Ethical Coffee Company“, die die Supermarktkapseln produziert, ist eine kleine Firma, ansässig in Freiburg in der Schweiz. Den Chef, Jean-Paul Gaillard, kennt Nestlé nur zu gut – er hat Nespresso zu dem gemacht, was es heute ist.

„Fass’ Nespresso nicht an. Jeder, der das bisher gemacht hat, hat verloren“, soll ein Kollege zu Gaillard gesagt haben, als dieser das Angebot bekam, für Nestlé zu arbeiten. 1988 galt das Kapselprojekt noch als „Karrierebrecher“, die Idee wollte einfach nicht bei den Verbrauchern ankommen. Das sei der Grund gewesen, weshalb er das Angebot angenommen habe, sagt Gaillard heute. „Ich liebe Herausforderungen.“

Zehn Jahre lang arbeitete Gaillard für Nestlé. Nespresso trieb er in „Cowboymanier“, wie er sagt, zum Erfolg. „Anfangs war die Idee, dass Nespresso der Bentley oder Audi unter den Kaffeesorten werden sollte“, sagt Gaillard, „und Senseo der Skoda.“ Gaillard mag es, in Bildern zu sprechen. Überhaupt erzählt er gerne Geschichten. Dass er selbst einen Audi A8 fährt („Früher bin ich nur Mercedes gefahren, aber der Audi verbraucht nur 9,5 Liter auf 100 km“) und einen alten Jaguar in seiner Garage stehen hat („Der ist für meinen siebenjährigen Sohn“). Wenn es geht, fährt er jedoch mit dem Fahrrad, die Natur ist ihm wichtig („Ich bin nicht so verrückt, dass ich Sandalen oder so trage“).

1994 wurde Gaillard in die USA versetzt und Chef von Nestlé-Eiskrem. Doch der Posten langweilte ihn, er wollte schneller voran. Das ging nicht. „Also ging ich.“ Nach seinem Ausscheiden bei Nestlé arbeitete er unter anderem für Louis Vuitton, bis er 2008 beschloss, seinem Exarbeitgeber ein bisschen Konkurrenz zu machen. „Business ist business“, sagt Gaillard. Mit Peter Brabeck-Letmathe, bis 2008 Chef von Nestlé, ist er seither verkracht. Doch Gaillard genießt seine Rolle als böser Junge: „Es ist schicker, mit Peter Brabeck in einer schlechten Beziehung zu leben, als mit meiner Putzfrau.“ Es sei kein persönlicher Krieg, den er mit Nestlé und Brabeck führe. „Nestlé ist ein schlechter Verlierer, wir sind die Gewinner.“

Nestlé sieht sich nicht als Verlierer. Im vergangenen Jahr erzielte der Schweizer Lebensmittelkonzern mit Nespresso einen Umsatz von mehr als 2,5 Milliarden Euro. Zwar nehme man jeden Mitbewerber auf dem Markt ernst, doch Zahlen belegten, dass Gaillards Kapseln „keine Auswirkungen auf den französischen Markt hatten“, sagt Holger Feldmann, Geschäftsführer von Nespresso Deutschland, „ihr Anteil beträgt nicht einmal ein Prozent.“

Geklagt hat Nestlé trotzdem. In Frankreich sowie der Schweiz strengte der Konzern Prozesse gegen ECC an. „Die Anwaltskosten für die Verhandlungen kosten uns ein bisschen was, aber das habe ich eingeplant“, sagt Gaillard. Es geht um Kapseln, es geht um Beziehungen – vor allem aber geht es um einen lukrativen Markt: 2010 wurden allein in Deutschland 520 Millionen Euro für Kaffee in Pads oder Kapseln ausgegeben. Tendenz steigend.

Seine Kapseln seien zu 100 Prozent biologisch abbaubar, schwärmt Gaillard. Damit verweist er auf die fast 6000 Tonnen Aluminium, die allein im vergangenen Jahr für die Produktion von Nespresso-Kapseln verbraucht wurden. „Plastik und Aluminium, wie Nespresso sie verwendet, sind einfach lächerlich“, sagt er. Aluminium, hält Nespresso-Geschäftsführer Holger Feldmann dagegen, sei endlos recyclebar, in Deutschland liege die Quote bei mehr als 80 Prozent. Alles, was Nespresso über Umwelt und Nachhaltigkeit sagt, sei „Bullshit“, entgegnet Gaillard.

Bis Ende des Jahres will er mit ECC rund 360 Millionen Kapseln verkauft haben. „Unsere Marge ist gut. Wir verkaufen keinen Clooney, keine teuren Magazine, keine Luxusshops“, sagt Gaillard. Im nächsten Jahr wird seine Firma eigene Kaffeemaschinen anbieten, Nespresso-kompatibel, versteht sich. Gaillards Traum ist der Börsengang.

Nespresso lässt sich von all dem nicht irritieren. Der Verkauf wird auch weiterhin ausschließlich über die Boutiquen und das Internet laufen, 35 Neueröffnungen sind in diesem Jahr geplant. Der Kampf um die Kapseln geht also weiter.

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