Wirtschaft : Patricia Eisert

Geb. 1961

Anne Jelena Schulte

Eine Arbeiterin im Auftrag des Guten. Sie ähnelte dem kleinen Hobbit. Sie lernten sich 1984 kennen. Als Hausdamenassistentin war Patricia für die Kontrolle der Zimmermädchen zuständig, also auch für die Kontrolle von Uta. „In dem Hotel ging es ziemlich streng zu“, sagt Uta. „Pat bekam ständig Ärger vom Chef, weil sie uns wegen lauten Lachens keinen Verweis erteilte.“

Vom ersten Moment an war zwischen Patricia und Uta eine Vertrautheit, die viele auch nach jahrelanger Freundschaft nicht erreichen. Patricia, die jeden Menschen, der ihr sympathisch war, sofort in die Arme nahm und drückte. Uta, die sich nichts sehnlicher wünschte, als endlich einmal fest in die Arme genommen und gedrückt zu werden. „Patricia war meine große Schwester und meine Mutter“, sagt Uta. „Manchmal habe ich mich gefragt: Woher nimmt sie diese Kraft?“

Ihren Vater hat Patricia nie kennen gelernt. Die Mutter versuchte schon während der Schwangerschaft, Patricia loszuwerden. Dass sie nicht willkommen war, war die einzige Botschaft, die Patricia von ihrer Mutter und später auch von den Klassenkameraden empfing.

Umso größer war der Triumph, als sie mit 18 Jahren in ihren Geburtsort reiste und dort beim Doktor klingelte: „Guten Tag, ich bin Patricia Eisert, die Frühgeburt. Sie sagten damals, ich hätte keine Chance. Auf Wiedersehen.“

Es ging ihr gut. Zu ihrer Mutter hatte sie den Kontakt abgebrochen, sie besuchte die Hotelfachschule, und sie hatte einen festen Freund.

„Aber dann hat sie wieder einen draufgekriegt“, sagt Uta. „Das war so eine Regelmäßigkeit in Patricias Leben: Immer wenn es ihr gut ging, bekam sie einen Dämpfer verpasst.“ Patricias Freund starb nach einem Autounfall. Traurig war Patricia, wütend und enttäuscht. Bitter aber wurde sie nicht. Bitter wird nur der, der an seinen Ansprüchen scheitert. Ansprüche zu stellen, auf die Idee wäre Patricia niemals gekommen.

Ihre Hoffnung auf ein bisschen Glück gab sie dennoch nicht auf. Doch Goslar schien ihr ziemlich weit davon entfernt zu sein. Vielleicht sollte sie besser nach Berlin. In Berlin spielte Peter Maffay, und wo Peter Maffay spielte, spielte das Glück.

Da stand es ihr also gegenüber und hieß Uta. Die Berlin-Rechnung war aufgegangen. „Viele haben gedacht, wir sind andersrum“, sagt Uta. „War uns egal. Wir waren Schwestern. Sie die große, ich die kleine.“ Die beiden zogen zusammen.

Als Uta wegen der Arbeit in ein kleines Städtchen nach Westdeutschland musste, zog Patricia mit. Wo Uta ist, ist mein Glück, dachte sie. Diesmal aber hatte ihre Rechnung einen Fehler. Patricia erkannte, dass ihr Glück aus zwei Zutaten gebraut war: Aus Uta und aus Berlin. Patricia wurde nervös. Sie bekam ein Zittern im Arm und Magenbeschwerden.

Die Kleine betrachtete die Große und sah ein, dass es höchste Zeit für Peter Maffay war: „Morgen singt er in Berlin. Da fährst du hin. Und auf dem Rückweg entscheidest du über unsere Zukunft.“ Mit regennassen Haaren und glänzenden Augen kehrte Patricia wieder und verkündete: „Wir gehen zurück.“

In Berlin erholte Patricia sich hervorragend. Das fiel auch dem Direktor des Hotels auf, in dem sie nun als Empfangsdamen- Assistentin arbeitete. Bei ihr trauten sich die Azubis auch die blödesten Fragen zu stellen. Die Gäste liebten ihre mütterliche Art, Kaffee einzuschenken oder Stadtpläne auseinander zu falten. Sie machte kaum Pausen und war auch noch eine ordentliche Buchhalterin. Der Direktor warb sie ab für ein Hotel, das er selbst in Wilmersdorf eröffnete.

„Ich glaube, heute würde ich das anders machen“, sagte Patricia rückblickend. Als sie Krebs bekam und in Frührente gehen musste, hat sich der Chef kaum für ihre Arbeit bedankt. Um Ersatz für sie zu schaffen, musste er drei neue anstellen.

Was Patricia früher nie zu denken gewagt hätte, das ging ihr nun doch im Kopf herum. Vielleicht waren es ja doch nicht immer nur die anderen, die Forderungen stellen durften.

Du gibst alles, wenn du gibst.

Du verlierst Dich, wenn Du liebst.

So bist du, du, nur du.

Peter Maffay gab Trost. Sie war, wie sie war. Eine Frau mit freundlichen Augen, Cordhosen und Karohemd. Eine Arbeiterin im Auftrag des Guten. Sie ähnelte dem kleinen Hobbit. Neben Peter Maffay war das ihr zweiter Held. „Ich will niemals so werden, wie meine Mutter“, das war Patricias Leitgedanke. Lieber zu viel geben, als zu wenig.

Dabei blieb sie, als sie krank war. Im Kirchenlädchen, auf dem Weihnachtsbasar, in der Krebs- und Selbsthilfegruppe, in der Hospizbewegung, überall gab es Menschen, die sich über Unterstützung freuten und darüber, endlich einmal kräftig gedrückt zu werden.

Vier gemeinsame Jahre blieben nach der Diagnose. Vier Jahre, in denen die Große und die Kleine sich auf den Abschied vorbereiten mussten. Sie fuhren nach Mallorca und lauschten dem Meer. Sie besuchten jedes Maffay-Konzert.

„Klingel nicht nach den Schwestern“, sagte Patricia in der letzten Nacht. „Die haben doch immer so viel zu tun.“ Dann fiel sie in ihre fiebrigen Träume zurück. Sie lächelte. „Warum lächelst du, Patricia?“ – „Ich tanze Ballett.“ Natürlich hat Patricia es niemals gewagt, ihre Mutter um einen Ballettkurs zu bitten. Ihr kühnster und verwegenster Traum, am Ende ging er in Erfüllung.

„Ich hab dich lieb, Pat“, sagte Uta. Sehr friedlich ist Patricia eingeschlafen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben