Wirtschaft : Patt in der Politik, Hausse an der Börse

Nach der US-Wahl klettert die Wall Street auf Rekordhoch. Weil sie hofft, dass sich trotzdem nichts ändert

Walter Pfaeffle

New York – In den Vereinigten Staaten breitet sich Unsicherheit über den weiteren Verlauf der US-Konjunktur aus. Der Wahlsieg der Demokraten scheint dabei allerdings nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Keine der zwei Parteien verfüge über eine Arbeitsmehrheit, sagt zum Beispiel Charlie Cook, Verleger des überparteilichen Newsletter „Cook Political Report“ und Fernsehkommentator bei NBC. Keine habe deshalb ein Mandat für einen scharfen Kurswechsel. Eine Momentaufnahme der amerikanischen Wirtschaft zeigt ein gemischtes Bild.

Die Wirtschaft wachse weiter, berichtet die US-Notenbank Federal Reserve in ihrem letzten „Beige Book“, das alle sechs Wochen die wirtschaftliche Lage in den Regionen des Landes beschreibt. In vier dieser Regionen habe das Wachstum zugelegt, in ein paar anderen sei eine Abschwächung eingetreten, heißt es darin. Seitdem zeichnet sich ein abwärts gerichteter Trend ab. Hersteller klagen über wachsende Bestände unverkaufter Güter. Nach Mitteilung der Regierung sind die Lager im September, das sind die letzten bekannten Zahlen, gegenüber dem Vorjahr um 7,5 Prozent gewachsen. Es war der steilste Anstieg seit April 2005. Es sieht daher nicht danach aus, dass die Industrie ihre Produktion in den nächsten Wochen spürbar ankurbelt.

Die vollen Lager sind auch ein Grund für den im Vergleich zu früheren Aufschwungphasen geringen Jobzuwachs. Die Arbeitslosenquote sank zwar auf 4,4 Prozent und damit auf den tiefsten Wert seit fünf Jahren. Diese Zahl ist jedoch irreführend, weil immer mehr Amerikaner zur Sicherung ihres Lebensunterhalts einen zweiten Job annehmen, der von den Statistikern mitgezählt wird. Trotzdem sind am Anleihemarkt nach Bekanntgabe der Beschäftigungszahl die Kurse deutlich gefallen. Anleger sorgen sich, dass eine Beschleunigung der Inflationsrate eine neue Zinserhöhungsrunde zur Folge haben könnte.

Eine hitzige Debatte hat der schwächelnde Immobilienmarkt ausgelöst. Sinkende Preise für Wohnimmobilien in etlichen Regionen und Großstädten wie Miami (Florida) und Phoenix (Arizona) dürften auch die Verbraucherausgaben dämpfen. Viele Amerikaner müssen es sich zweimal überlegen, ehe sie angesichts fallender Preise ihre Häuser beleihen.

Wie geht es weiter mit der Wirtschaftspolitik? Die siegreichen Demokraten lassen sich vorerst nicht in die Karten schauen. Ihre Anliegen sind jedoch allgemein bekannt: Die Mindestlöhne sollen deutlich steigen, die hohen Managerbezüge möglichst fallen. Unternehmen wollen sie höher besteuern, vor allem die Mineralölkonzerne. An der Börse sanken nach der Wahl die Kurse der Pharmakonzerne, weil die Demokraten die Einfuhr billigerer Medikamente aus Kanada und anderen Ländern vorantreiben wollen.

Setzt sich der wahrscheinlich künftige Vorsitzende des Bewilligungsausschusses im Repräsentantenhaus, der New Yorker Abgeordnete Charles Rangel, durch, werden Unternehmen, die Arbeitsplätze exportieren, ihre „Steuerparadiese“ verlieren.

Viele Beobachter in den USA bezweifeln allerdings, dass sich in den zwei Jahren vor den Präsidentschaftswahlen allzu viel durchsetzen lässt. Die Hausse an der Wall Street, die den Dow-Jones-Index auf ein Rekordhoch gehievt hat, scheint dies vorwegzunehmen. Nichts ist den Anlegern lieber als ein Patt in Washington.

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