Wirtschaft : Paul Saffo im Interview: "Das Silicon Valley hat ein kurzes Gedächtnis"

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Paul Saffo ist Leiter des Institute for the Future in Palo Alto, Kalifornien.



Was macht eigentlich ein Forecaster? Und wo ist denn Ihre Kristallkugel?

Ich bin kein Futurist, der in die Zukunft schaut und Vorhersagen anstellt. Anstatt zu sagen, das und das wird eintreten, kartographiere ich für meine Kunden die Ungewissheiten. Denn eine Vorhersage bezüglich zukünftiger Technologien anzustellen, ist nicht nur sehr schwierig, es ist fast unmöglich. Als Forecaster glaube ich an eine Vielzahl von Optionen, und mein Job ist, diese Optionen für meine Kunden darzulegen.

Wenn keine Kristallkugel, was ist dann Ihr Handwerkszeug?

Ein Teil ist Neugierde, ein anderer Teil ist gesunder Menschenverstand. Es sind die gleichen Qualitäten, die einen erfolgreich in jedem anderen Beruf machen. Flexibel sein, wissbegierig, offen für Veränderungen. Ein weiteres Handwerkszeug ist Verständnis für Geschichte, denn Dinge wiederholen sich immer wieder. Hier in Silicon Valley haben die Leute ein sehr kurzes Gedächtnis. Und das ist ein Fehler, wenn man über zukünftige Technologien nachdenkt.

Immer wieder gibt es Erfindungen, die viel Geld kosten, dann aber keinen Erfolg haben. Forecaster machen also auch Fehler?

Aber natürlich. Eine der wichtigsten Lektionen ist, dass die richtigen Fehler schliesslich zum Erfolg führen oder, dass man aus den Fehlern anderer Leute lernt.

Wie weit kann man denn in die technologische Zukunft schauen?

Vielleicht fünf bis zehn Jahre. Wobei ich hinzufügen muss, dass ich ein Drittel meiner Zeit mit Dingen verbringe, an denen meine Kunden jetzt noch gar nicht interessiert sind. Mit E-Commerce habe ich mich Mitte der 90er Jahre beschäftigt. Das ist für mich derzeit kein Thema mehr. Mich interessiert jetzt vielmehr eine Verbindung zwischen Bio- und Computertechnologie.

Was kommt auf uns zu?

Die Natur der Kommunikation verändert sich. Zuvor waren es Menschen, die mit Menschen kommunizierten. Dann waren es Menschen, die von Maschinen Informationen abriefen. Und in der Zukunft sind es Maschinen, die im Auftrag von Menschen mit anderen Maschinen kommunizieren. Ich schätze, dass in einem Jahrzehnt die menschliche Stimme nur noch einen kleinen Teil der gesamten Kommunikation ausmacht und die meiste Kommunikation zwischen Maschinen stattfindet.

Nennen Sie ein Beispiel.

Man braucht nur an die C-Klasse von Mercedes-Benz denken, wo über 100 Micropozessoren eingebaut sind. Unsere Autos sind heute schon intelligente Kunstwerke, in denen die wertvollsten Komponenten die Computer sind. Es sieht zwar aus wie ein Auto, aber es ist ein Computer auf Rädern. Und in der Zukunft werden wir keine Autos mehr "kaufen", wir werden Autos "abonnieren", wie wir schon heute Software abonnieren. Microsoft verkauft uns Word nicht, es verkauft uns die Upgrades, hier steckt das Geld. Das gleiche passiert bei den Autos, wo man die Software für das Navigationssystems, für den Motor, für den Service ständig auf den neuesten Stand bringen muss.

Können wir uns dann irgendwann bequem zurücklehnen, während Autos uns computergesteuert herumchauffieren und Roboter unsere Arbeit erledigen?

Nein, dieser Traum einer Freizeitgesellschaft wird wohl ein Traum bleiben.

Wie sieht die Zukunft von Silicon Valley nach dem Kurseinbruch der Internet-Aktien und den Börsenturbulenzen aus?

Ich glaube, dass es für die nächste Zeit eine Achterbahnfahrt bleiben wird, und dass Ungewissheiten und Konfusion regieren werden. Aber das ist nicht unbedingt schlecht für Silicon Valley. Einige Firmen werden ins Gras beißen, aber wir haben hier zumindestens einen Vorteil: viele unserer Gebäude sind nur zwei- bis dreistöckig. Wer hier aus dem Fenster springt, bricht sich vielleicht das Bein, und entscheidet nach der Genesung, dass das Leben weitergeht und schreibt halt einen neuen Businessplan.

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