Wirtschaft : Peace, Mr. President!

Die Friedensbewegung in den USA wird immer stärker – und die Zweifel an Bushs Politik auch

David Montgomery

Sie kommen aus Kalifornien, New York, Maryland. Sie gehören derselben Bewegung an, vereint durch einen gemeinsamen Instinkt, der ihnen sagt: Dies ist der Zeitpunkt, dies ist der Ort. Kritiker können dieses Antikriegsengagement nicht einfach als Randgruppenphänomen abtun. Jüngste Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der Amerikaner – immerhin 59 Prozent – der Ansicht ist, dass der Krieg im Irak ein Fehler war und die Truppen heimkehren sollten. Ein halbes Leben ist es her, seit die „Peaceniks“ so stark waren. Das letzte Mal, dass eine Mehrheit der Bevölkerung bereits während eines laufenden Konflikts aller Illusionsen beraubt wurde – den Golfkrieg, Jugoslawien und Afghanistan einbezogen –, war im August 1968. Damals belegten Meinungsumfragen, dass die meisten Amerikaner den Vietnamkrieg für einen „Fehler“ hielten.

Mit dem Aufruf zu einer Kundgebung vor dem Weißen Haus an diesem Wochenende, zu der bis zu 100000 Teilnehmer erwartet werden, sucht Leslie Cagans Bewegung „United for Peace und Justice“ gemeinsam mit der Answer-Coalition, die aktuelle Stimmung im Land zu nutzen. „Ich denke, die Depression und das Unbehagen, das empfunden wurde, nachdem man nicht in der Lage war, den Krieg aufzuhalten, und nach der Wahl nichts tun konnte, hat sich verlagert“, sagt Tia Steele, deren Sohn in Falludscha ums Leben kam. „Menschen, die sich ernüchtert und niedergeschlagen fühlten, kommen jetzt zusammen in der Erkenntnis, dass wir etwas tun können, und wir tun etwas.“ Ob tatsächlich etwas passieren wird, ist schwer zu sagen.

„Den Irakkrieg bewerten die Amerikaner viel schneller als Fehler als damals Vietnam“, sagt Frank Newport, Chefredakteur beim Marktforschungsinstitut Gallup Poll. Im Fall von Vietnam dauerte das drei Jahre, im Fall des Irak nur 15 Monate. Die Behauptung der Friedensbewegung, es gäbe eine wachsende Ablehnung, steht allerdings auf wackeligen Beinen. Nachdem vor gut einem Jahr eine Mehrheit den Irak einen Fehler nannte, ist seither eher eine Fluktuation zu verzeichnen als ein stetes Anwachsen. Die Wirbelstürme „Katrina“ und „Rita“ mögen der Friedensbewegung einige Aufmerksamkeit entziehen, doch den Aktivisten ist es gelungen, „Katrina“ dahingehend zu nutzen, die Kompetenz und die Prioritäten von Präsident Bush weiter in Frage zu stellen.

Vor kurzem schritt Tia Steele in Baltimore über ein Feld voller schwarzer Stiefel. Die Stiefelpaare standen ordentlich aufgereiht, wie ein Negativabzug der weißen Kreuze auf dem Friedhof Arlington. Ein Paar für jeden der 1895 toten Soldaten und Marines, die es zu dem Zeitpunkt zu beklagen gab. Mittlerweile ist die Zahl 1900 überschritten. Die Eyes Wide Open-Ausstellung, initiiert vom American Friends Service Committee an der Johns Hopkins Universität, ist seit Januar 2004 – damals mit 504 Stiefelpaaren – durch 65 Städte gezogen. 500000 Menschen haben sie besucht.

Die Stiefel sind symbolisch und stammen aus Lagerbeständen, sie wurden nicht von den geehrten Toten getragen. Doch auf einem Tisch gab es eine Sonderausstellung von Stiefeln, die von Familien gespendet wurden. Auch die abgewetzten Stiefel des Stabsgefreiten Casey Sheehan, dem posthum geehrten Sohn von Cindy Sheehan, waren ausgestellt. Daneben die Stiefel des Obergefreiten David Branning, Steeles Stiefsohn. Das ist die Gefühlsseite der Friedensbewegung.

Tia Steele, eine 56-jährige Psychologin aus Baltimore, sagt, dass es nicht die Informationen sind, die in den Köpfen der Menschen etwas verändern, sondern die Erfahrungen. So ist es auch ihr ergangen. Sie war schockiert, als ihr Stiefsohn sich freiwillig zu den Marines meldete, aber sie versuchte nicht, es ihm auszureden. Er war ein bedächtiger junger Mann. Er wurde getötet, 21-jährig, als er in Falludscha bei der Erstürmung eines Hauses die Tür eintrat.

Keiner der Versuche der Bush-Administration, den Krieg zu rechtfertigen, überzeugte Tia Steele – weder der 11. September, noch Massenvernichtungswaffen oder der globale Krieg gegen den Terrorismus. Doch sie äußerte keine öffentliche Kritik. Bis sie ihren persönlichen Gefallenenbericht erhielt. Sie gab ihren Job auf, um „Eyes Wide Open“ zu koordinieren, und hofft nun, Arbeit in der Bewegung zu finden. „David darf nicht umsonst gestorben sein“, sagt sie. „Ich fühle mich ihm verpflichtet, etwas gegen diesen Wahnsinn zu tun. Dieser Krieg ist eine Lüge. Wer ihn fortführt, richtet nur immer noch mehr Schaden an.“

Der 28-jährige Unteroffizier Charlie Anderson kehrte unverletzt aus dem Irak zurück und spendete seine eigenen Stiefel für die Ausstellung. Er war im Sanitätsdienst eines Marinebataillons. Fünf ihm nahe stehende Kameraden wurden im Krieg getötet. Er steht mit gebeugtem Kopf zwischen den aufgereihten Stiefeln und wischt sich die Augen. Anderson füllte in einem Supermarkt Regale auf, als er sich vor einem Jahrzehnt in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft freiwillig meldete. Als der Krieg kam, unterstützte er ihn vorbehaltlos. Anderson glaubte, sein Land würde nicht grundlos und ohne handfeste Beweise einen Krieg führen. Die Ablehnung war ein langsamer Prozess. „Sich einzugestehen, dass man für nichts und wieder nichts alles aufgegeben hat, ist nicht einfach“, sagt er. Vor seiner Entlassung im März schloss er sich den „Irak-Veteranen gegen den Krieg“ an. Posttraumatisches Stresssyndrom wurde Anderson diagnostiziert. Heute ist er Student in Virginia und Friedensaktivist. Wenn er Leute hört, die davon sprechen, dass man die Truppen unterstützen müsse, möchte er diese Menschen fragen: Wie viel Unterstützung gab es, die entsandten Truppen angemessen zu bewaffnen? Wie viel Unterstützung erfahren jene Veteranen, die verletzt heimkehren? Für Anderson sind die amerikanischen Soldaten „großartige Menschen, die bereit sind, alles zu opfern“, um eine Mission zu erfüllen. „Doch mittlerweile wandelt sich diese Mission immer mehr“, wie er sagt. „Verraten Sie mir, was heute die Mission ist. Was ist die Mission?“

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