Wirtschaft : Peggy Eckhardt

Geb. 1974

Gregor Eisenhauer

Zehn Kilo hat sie zugenommen, weil sie so glücklich war. Können wir das Fahrrad haben? Damit kann man doch sicher noch fahren!“

Der Polizeibeamte verstand erst nicht.

„Das Fahrrad meiner Tochter. Das ist ja vielleicht noch in Ordnung. Können wir das bitte haben!?“

„Entschuldigen Sie, aber das Fahrrad ihrer Tochter ist unbrauchbar. Kaputt. Und außerdem ein Beweismittel.“

Auf diesem Fahrrad wurde Peggy Eckhardt am frühen Sonnabendmorgen des 4. Oktober von einem Autofahrer zu Tode gebracht. Eine von 24 Fahrradtoten im letzten Jahr. „Auf dem Weg zur Arbeit: Altenpflegerin Peggy, 29, von irrem Raser getötet“, titelte die BZ, und: „Er ließ sie einfach liegen“.

Die Nacht des 3. Oktober, Tag der deutschen Einheit. Eine lange Nacht für viele, eine feucht-fröhliche. Die Straßen am Morgen menschenleer.

Der Mann war betrunken. Vermutlich war er betrunken, denn es gab keine Bremsspuren. Oder war es eine Frau? Statistisch gesehen unwahrscheinlich.

Ohne zu bremsen ist er in sie reingefahren, ohne zu bremsen ist er weitergefahren. Obwohl das Auto stark beschädigt gewesen sein muss: gesprungene Frontscheibe, Motorhaube und Kotflügel verbeult. Die riesige Blutlache war noch Stunden nach dem Unfall auf der Straße zu sehen.

Fast zwanzig Minuten lag Peggy Eckhardt sterbend auf der Straße.

5.15 Uhr ist sie zu Hause losgefahren. Kurz darauf geschah der Unfall. 5.35 Uhr wurde sie gefunden, 5.45 Uhr war der Rettungswagen da. Der Notarzt konnte ihr nicht mehr helfen. Sie starb im Krankenhaus.

„Jagd auf den Todesfahrer“. Mehr als 50 Zeugenhinweise. Sechs Ermittler. 1000 Euro Belohnung. Splitter der Windschutzscheibe fanden sich an der Kleidung von Peggy. Winzige weiße Lackspuren. Zeugenaussagen zufolge vermutlich ein Mazda 626 Kombi mit weißem Kotflügel. 79 Autos dieses Typs wurden überprüft, eins ist in Russland, eins in der Ukraine verschwunden.

Der 4. Oktober war der erste Jahrestag von Thomas und Peggy. Sie hatten sich über die RTL-Singlehotline kennen gelernt. Angerufen, getroffen, nicht mehr aus den Augen gelassen. Drei Monate vor ihrem Tod war er bei ihr eingezogen.

Die kleinen Träume: eine gemeinsame größere Wohnung, einen Hund anschaffen, oder zwei. Zwei Katzen waren ja schon da. Vielleicht ein Auto demnächst. Ansonsten glücklicher Alltag: gemeinsame Spaziergänge. Picknick auf der Wiese, oder im Wohnzimmer. Alles ganz in Ruhe. Genau wie am letzten Abend: erst ein Video, „Herr der Ringe“, dann Spazieren. Billardspielen. Sie hat gewonnen, wie immer. Dann daheim die Decke auf dem Boden ausgebreitet und zu Abend gegessen, als wäre man draußen in der Natur.

Bis dahin will man die Uhr zurückdrehen. Bis zu dem Kuss, bevor sie ging.

Was wäre gewesen, wenn sie nicht zeitiger aufgestanden wäre als sonst? Wenn sie verschlafen hätte? Zu Fuß gegangen wäre?

In den Tagen zuvor hatte Thomas noch ihr Fahrrad wintertauglich gemacht. Licht, Bremsen, alles okay. Damit sie ohne Probleme zur Arbeit fahren kann.

Aber Peggy Eckhardt hat nie viel Glück gehabt. Einer der Menschen, die es anderen leicht machen, aber die selbst immer nur Schläge einstecken müssen.

Mit Thomas war es anders. Wenn er aufwachte, lag da oft ein kleines Geschenk, so dankbar war sie. Zu seinem Geburtstag lud sie ihn ein nach Hamburg, ins Interconti, und schenkte ihm sein Traumauto. Für ein Wochenende ein Audi A 3, in der Sportversion.

„Lass mich dein Engel sein!“ Den Satz hat sie ihm geschrieben, auf einer Postkarte, und sie hat ihn so gemeint. Zehn Kilo hat sie zugenommen im letzten Jahr, weil sein erster Beruf Koch war und weil sie einfach nur glücklich mit ihm sein konnte.

Das Ende aller Essstörungen, aller schlechten Erinnerungen. Sie war auf dem Land aufgewachsen. Mit fünfzehn wurde sie zu Hause rausgeworfen. Der Vater war an Krebs gestorben. Die Mutter zog zu ihrem neuen Freund in den Westen. „Um die beiden Hunde mach dir keine Sorgen, Töchterchen, die werden eingeschläfert!“

Sie ging nach Berlin, machte ihre Ausbildung als Krankenschwester, träumte von der zweiten Chance, Tierärztin werden zu dürfen. Träumte von einer Familie.

Thomas lebte nach ihrem Tod zunächst bei Freunden. Jetzt ist er einmal die Woche in therapeutischer Behandlung. Er glaubt irgendwie immer noch, dass sie wiederkommt. Und der Mann, der das Auto fuhr? Er muss ihr Gesicht in der Zeitung oder im Fernsehen gesehen haben. Hat er inzwischen begriffen, was an diesem frühen Morgen geschah?

Peggy Eckhardt wollte ein anonymes Grab. Aber die Mutter hat selbst dem Freund nicht gesagt, wo sie beerdigt wird. Also hat Thomas alle Beerdigungsinstitute abgesucht und erfuhr schließlich, dass nicht einmal eine Urne gekauft worden war.

Die gemeinsame Wohnung hatte die Mutter mit ihrem neuen Lebensgefährten schon Tage zuvor ausgeräumt. Wie nach einem Einbruch sah es aus.

Peggys Wertsachen weg. Der Kühlschrank leer. Die Kleider weg, auch die Herrenhemden. Und dann doch noch ein Anruf: „Übrigens, Thomas, mach dir keine Sorgen um die Katzen. Die werden eingeschläfert.“

Dazu ist es dann doch nicht gekommen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben