Wirtschaft : Peinliche Panne bei der Deutschen Bank

Internes Papier mit einer niedrigen Bewertung der Postbank verärgert die Post und die Börse

Daniel Rhee-Piening

Berlin – In der Führungsetage der Deutschen Post und der Postbank herrscht helle Aufregung, an der Börse überwiegt sogar die Verärgerung: Die Deutsche Bank, die zusammen mit weiteren 18 Banken die Postbank an die Börse bringen soll, schätzt den Wert der Postbank in einem internen Papier nur auf 4,4 bis 5,3 Milliarden Euro. Post-Chef Klaus Zumwinkel hatte zuletzt immer rund sechs Milliarden Euro angesetzt.

Die Deutsche Bank ist zusammen mit Morgan Stanley Konsortialführer (siehe Lexikon) bei dem für den 21. Juni geplanten Börsengang der Postbank und darf deshalb wie alle anderen Konsortialbanken keine Bewertung des Börsenkandidaten abgeben. In Frankfurt (Main) versucht man nun, den Schaden zu begrenzen, spricht von einem internen „Memo“, das keine Wertermittlung der Postbank sei und zudem bereits vor 14 Tagen erstellt wurde. „Wir haben uns bei der Postbank entschuldigt, und diese hat professionell reagiert“, heißt es bei der Deutschen Bank. Die Zahlen seien nur als technische Orientierung zu verstehen und basierten nicht auf Berechnungen der Deutschen Bank. Sozusagen nur ein Merkzettel für die Jacketttasche der Investmentbanker. „Wir sind in einer Orientierungsphase, an deren Ende eine Preisspanne genannt wird“, sagte ein Bank-Sprecher am Freitag in Frankfurt (Main). Aber die Bank räumt inoffiziell auch ein, ein solches Papier hätte das Haus niemals verlassen dürfen.

Die Deutsche Post als Eigentümer der Postbank hält sich vornehm zurück. Wie der Konzern am Freitag in Bonn mitteilte, bleibt es beim vorgesehenen Termin für die Erstnotiz der Bank am 21. Juni. Das Unternehmen habe „großes Vertrauen in den Gesamtmarkt“, erklärte der Vorstandsvorsitzende Klaus Zumwinkel. Verlässlich seien derzeit allein die mittlerweile den institutionellen Investoren vorliegenden Research-Berichte, deren Inhalte sich weitgehend mit den Vorstellungen der Postbank deckten, hieß es bei der Post.

Deutlicher wird Bankenprofessor Wolfgang Gerke. Er spricht von einem „unverzeihlichen Betriebsunfall“. Der Schaden für die Deutsche Bank sei riesig und noch gar nicht abzuschätzen. Gleiches gelte für die Beschädigung des Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Josef Ackermann. Immerhin sei das Papier aus dem Bereich Investmentbanking und damit aus Ackermanns Bereich an die Öffentlichkeit gelangt, gibt Gerke zu bedenken. Dennoch warnt der Professor, die Deutsche Bank aus dem Bankenkonsortium, also der Gruppe von Banken, die die Postbank an die Börse bringen soll, „rauszuschmeißen“. Das würde den Börsengang in Frage stellen und den Schaden für die Deutsche Bank, die Postbank, aber auch die Börsenlandschaft in Deutschland eher noch vergrößern.

Die Börsianer sind sowieso schon verstimmt. Unter dem Gezerre um die Postbank leidet inzwischen auch die Aktie der Bank-Mutter Deutsche Post, sagte ein Aktienhändler. Erst musste man wegen der Deutschen Bank daran zweifeln, ob es überhaupt zu einem Börsengang kommt, weil es möglich schien, dass die Deutsche Bank die Postbank kauft. Nun kommt der Postbankeigentümer unter Druck: Die Aktie Gelb der Post hat in dieser Woche rund sechs Prozent an Wert verloren. Und auch die Aktie der Deutschen Bank bekam am Freitag den Unmut zu spüren. Der Kurs ging um 1,1 Prozent zurück.

Für die Hauptversammlung am kommenden Mittwoch in Frankfurt haben die Aktionäre den großen Showdown angekündigt. „Das wird eine heftige Diskussion geben. Es ist unsäglich, dass die Deutsche Bank die Braut, die sie an der Börse anderen zuführen will, selbst heiraten wollte“, kritisiert Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK).

An der Börse spekuliert man unterdessen darüber, wer ein Interesse an der Veröffentlichung des Papiers gehabt haben könnte. Seit Wochen sei klar, dass die Deutsche Bank Interesse an einer Übernahme der Postbank gezeigt hatte und rund 4,3 Milliarden Euro geboten habe. Seit Tagen gehen auch Gerüchte um, die großen institutionellen Anleger, also Fonds und Versicherungen, wollten nur etwa 30 Euro pro Postaktie bezahlen. Nach der Bewertung von Post-Chef Zumwinkel, der auf eine Summe von rund sechs Milliarden Euro kommt, müsste die Postbank-Aktie in einer Spanne von 35 Euro bis 38 Euro angeboten werden. Dem internem Papier der Deutschen Bank zufolge wären es 4,3 Milliarden Euro, was auf eine Preisspanne zwischen 27 Euro und 32 Euro hinausläuft. Die Fonds wollten natürlich so günstig wie möglich einkaufen. Die Postbankaktie dürfe keinesfalls für mehr als 30 Euro angeboten werden, sagt beispielsweise ein Sprecher von Union Investment, der Fondsgesellschaft der Volksbanken.

In Finanzkreisen kursiert noch eine abenteuerlichere Version über den Lapsus der Deutschen Bank. Danach war die Indiskretion ein gezielter Versuch, die Reputation der Bank zu untergraben. Denn wenn der Ruf ruiniert ist, wären die Deutschen etwa für eine ausländische Großbank ein einfacherer Übernahmekandidat.

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