Wirtschaft : „Pessimismus ist nicht erlaubt“

Die EU-Osterweiterung wird im Grenzgebiet von Deutschland, Polen und Tschechien vieles verändern – aber kaum eine Firma ist vorbereitet

Flora Wisdorff[Zittau]

Die Nähmaschinen rattern. Die tschechischen Näherinnen legen ein Handtuch nach dem anderen zum Säumen in die Maschinen. 1500 Stück pro Stunde sollten es schon sein. „Je schneller sie arbeiten, desto mehr Geld bekommen sie“, sagt die deutsche Leiterin des Werks, Ingrid Kubik. Bis maximal zwei Euro die Stunde. Weil die Tschechinnen nur ein Fünftel des deutschen Durchschnittslohns bekommen, lässt das Unternehmen Frottana aus Sachsen hier in Varnsdorf seine Handtücher nähen. Varnsdorf liegt einen Kilometer hinter der deutsch-tschechischen Grenze und nur zwölf Kilometer vom Hauptsitz der Firma in Großschönau entfernt. „Frottana Bohemia“ steht neben dem Eingang des grauen, verfallenen Fabrikgebäudes. Vor dem Büro der Personalleitung stapeln sich blaue Handtücher – sie sind gelb mit „Lufthansa“ beschriftet.

Die Luftfahrtgesellschaft ist einer der Großkunden von Frottana, neben Kaufhof und Karstadt. „Für Handtücher wollen die Leute nicht viel Geld ausgeben“, sagt Kubik. Also muss billig produziert werden. „Das ist unser Standortvorteil im Grenzgebiet“, sagt Lothar Schmidt, Werksleiter des ehemaligen DDR-Unternehmens. 1996 hat Frottana die Näherei nach Tschechien verlegt. „Sonst wären wir pleite gegangen“, sagt Schmidt. Vor der Wende beschäftigte Frottana 3000 Menschen. Jetzt sind es noch 200 auf deutscher Seite, wo die Handtücher gewebt werden, und 100 in Tschechien.

Großschönau ist ein kleiner Ort in Ostsachsen. Hier grenzt Deutschland an Polen und Tschechien. Doch bald werden die Grenzen fallen. In der kommenden Woche wird die EU den zehn Beitrittskandidaten aus Mittel- und Osteuropa in Kopenhagen ein Aufnahmeangebot machen. Bis Anfang 2004 sollen sie dann beigetreten sein. Während die ostsächsischen Politiker den Fall der Grenzen als Chance für ihre Gegend sehen, herrscht bei Unternehmen und Bevölkerung Lethargie. Wie Frottana nutzen viele das Lohngefälle jenseits der Grenzen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Aber auf die Osterweiterung bereiten sie sich kaum vor. Die Unternehmer sehen die neuen Märkte nicht als Chance und wappnen sich kaum gegen die wachsende Konkurrenz im gemeinsamen Binnenmarkt mit Polen und Tschechien.

Es ist grau und trostlos inmitten der hügeligen Landschaft, den Vorläufern des Zittauer Gebirges und in den größeren Städten der Gegend, Zittau und Görlitz. Die Patrizierhäuser in den Altstädten sind zwar makellos renoviert, aber hinter der Fassade findet kein richtiges Leben statt. Die nagelneuen Cafes und Restaurants sind weitgehend leer. „Seit Mitte der 90er Jahre haben wir hier eine Arbeitslosenquote von mehr als 20 Prozent“, sagt der Görlitzer Bürgermeister Rolf Karbaum. Die Orte bluten aus. 4800 Wohnungen stehen in Görlitz leer. Zittau hatte vor zehn Jahren noch 36 000 Einwohner, jetzt sind es noch 26 000.

Der Tourismus bringt es nicht

Das große Problem ist die Grenze, finden die Kommunalpolitiker. In einer Randlage könne sich kein zusammenhängender Wirtschaftsraum entwickeln. Tatsächlich fehlen Schnellstraßen, die das Grenzgebiet mit Dresden und mit den polnischen und tschechischen Gewerbegebieten verbindet. Mit dem Auto steht man mindestens 30 Minuten im Stau, um in Zittau am Grenzübergang Friedensstraße nach Polen zu kommen. Mit dem Lkw sind es zwölf Stunden.

Die Kommunalpolitiker hoffen auf die Osterweiterung. „Das ist unsere Chance“, sagt Karbaum. Er sieht Sachsen schon auf einer wichtigen europäischen Ost-West-Achse, wenn die Schlagbäume an den Grenzen in zwei Jahren verschwinden. Görlitz und Zittau erlebten auf der „Via Regia“ im Mittelalter als Handelsstädte und Kulturmetropolen ihre Blüte, sogar der Orientexpress stoppte hier. „Die Reiche“ wurde Zittau einmal genannt, als die Kaufleute sich mit Tuch auf dem Weg von Leipzig nach Russland eindeckten. „Diese Achse ist genauso wichtig wie die Nord-Süd-Achse", sagt Karbaum. „Wir liegen schließlich im Herzen Europas. Handels- und Logistikfirmen klopfen bei uns an.“ Neue, ansiedlungswillige Firmen sind lebenswichtig für die Region. Auf den Tourismus setzen die Politiker dagegen nicht mehr. „Mehr als zwei, drei Tage bleiben die Leute nicht“, sagt der Bürgermeister.

Trotzdem gibt es ambitionierte Pläne. Das alte Bergwerk zwischen Zittau und Görlitz ist heute noch ein riesiges Loch. In den nächsten Jahren werden 350 Millionen Kubikmeter Wasser nach und nach hineinfließen. Dann soll der „Berzdorfer See“ mit Wassersportzentren und einem Jachthafen Menschen anlocken. „Pessimismus ist verboten“, erklärt Karbaum trotzig. Deshalb müsse es auch solche Projekte geben.

Der Optimismus der ostsächsischen Bürger hält sich dagegen in Grenzen. „Mir ist das vollkommen egal. Es kommt halt so“, sagt Christine Barth, Friseuse am Marktplatz von Zittau, über die Osterweiterung. Viele haben Angst vor den billigen Arbeitskräften aus Polen und Tschechien. Freunde jenseits der Grenze hat kaum jemand. Auch die regionale Wirtschaft hält sich zurück – zu sehr, meint die Industrie- und Handelskammer Görlitz (IHK). „Nur ein Drittel unserer Unternehmen sieht die neuen Märkte als Chance“, sagt Thomas Tamme von der IHK. Die wenigsten bereiteten sich auf die Osterweiterung vor, indem sie die Sprachen lernten oder die Gesetze in Polen und Tschechien studierten. Vor allem die Kleineren hätten Angst vor Billig-Konkurrenz. „Die müssen sich was einfallen lassen und nicht einfach abwarten“, sagt Tamme.

Polnische und tschechische Unternehmen sind dagegen zuversichtlich, sagt Tamme. Die meisten sprächen Deutsch. Rund 800 Meter hinter dem deutsch-polnischen Grenzübergang bei Zittau zeigt ein polnischer Unternehmer, wie man deutsche Kunden anlockt. „Deutsches Personal“ und „Dienstleistung nach deutschem Maßstab“ steht auf den Schildern vor der Tankstelle der AB-Kette. Hinter der Kasse sitzt Karin Weber, 39, aus Görlitz. Sie ist eine von vier Deutschen, die hier arbeiten. „In unserer Ecke hat Deutschland ja nichts zu bieten.“ Seit sie hier mit den deutschen Kollegen arbeitet, laufe es extrem gut: „Vorher wurden 8000 Liter Benzin pro Tag getankt, jetzt sind es 33 000.“ Die Deutschen kommen zum Tanken über die Grenze, weil Sprit in Polen billiger ist.

Die deutschen Unternehmen und Einzelhändler täten wenig, um ähnlich auf den neuen Märkten Fuß zu fassen, beklagt die IHK. Sie konzentrieren sich bislang darauf, die geringen Löhne jenseits der Grenze auszunutzen. „Das machen sehr viele“, heißt es bei der IHK. Genaue Zahlen gibt es nicht – die wenigsten wollen, dass sich das rumspricht und zu Verbitterung bei den arbeitslosen Sachsen führt. „Das Ausnutzen des Lohngefälles reicht aber nicht“, sagen die Experten von der IHK. Die Märkte müssten erschlossen werden, denn nach der Osterweiterung würden sich Löhne schnell angleichen. Doch bei Frottana sieht man das gelassen. „Das wird noch lange ein Vorteil bleiben“, sagt Frottana-Werkleiter Schmidt. „Wir haben schließlich auch noch kein Westgehalt.“

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