Wirtschaft : Peter Buchholz

Geb. 1959

Kerstin Decker

Gott wohnt in den kleinsten Dingen. Franziskaner wissen das. Am neuen Suppenküchen-Haus des Franziskanerklosters in Pankow steht noch sein Name: „Leitung der Suppenküche Bruder Peter“. Jemand kommt die Treppe hinunter, er schaut auch auf das Schild, dann auf die Besucherin und sagt: „Bruder Peter ist tot.“ Es klingt, als ob er das selbst noch immer nicht glaubt. Dass das neue Haus so schön, so unbeteiligt dastehen kann, obwohl Bruder Peter nicht mehr da ist. Die beiden gehören doch zusammen, die Suppenküche des Klosters und er. Aber „Bruder Peter“ nannte ihn keiner. Einfach nur „Bruder“, das genügte. Das klang rau und war doch eine Zärtlichkeit. Und so viele Mönche gibt es doch nicht in Berlin, dass man sie verwechseln könnte. „Bruder“ war nur er.

1978 ging Peter Buchholz zur Marine nach Kiel. Dabei hätte man von einem späteren Franziskaner-Mönch doch irgendwie erwartet, dass er den Wehrdienst verweigert. Über dem Eingang der Carceri, jener Einsiedelei des Franziskus bei Assisi, steht der Satz: Ubi Deus, ibi pax. – Wo Gott ist, da ist Friede. Keine Frage, Franz von Assisi wäre nie zur Marine nach Kiel gegangen. Aber Peter Buchholz aus Borken in Westfalen wollte ja auch nicht direkt zu den Panzerkreuzern, er wollte vor allem zum Meer. Das hätte Franz von Assisi schon besser verstanden, dass einer das Meer liebt.

Am Meer stehen – vielleicht war das Peter Buchholz’ erste religiöse Erfahrung. Ein Element, so grenzenlos wie Gott. Aber bis Gott wirklich zu einem spricht, muss man manchmal lange warten. Peter Buchholz blieb in Kiel am Meer und studierte Kommunikationsdesign. Kommunikation? Design? Mit Gott kommuniziert man nicht. Man spricht mit ihm. Oder vielmehr: Er spricht zuerst. Wenn er will, und ganz ohne Design. Noch hatte Gott sich nicht bei Peter Buchholz gemeldet. Und Peter Buchholz hatte noch keine Frage gestellt, auf die Gott die Antwort sein konnte.

In Paderborn studierte er Sozialarbeit und lern- te die Paderborner Franziskaner kennen. Bruder Andreas war damals auch im Paderborner Kloster. Zwei junge Männer unter meist etwas älteren Mönchen. Jetzt ist Bruder Andreas Hausleiter in Pankow. Eine Art Abt, aber bei nur vier Brüdern gibt es keinen Abt. Wir sitzen im kleinen Besucherraum des Pankower Franziskanerklosters, und Bruder Andreas sagt das Unwahrscheinliche: Er weiß nicht, warum Peter Buchholz Mönch geworden ist. Er hat ihn nie gefragt, und Peter Buchholz hat nie etwas gesagt.

Bruder Andreas weiß, dass Peter Buchholz mal eine Freundin hatte. Aber auch darüber haben sie nie gesprochen. Vielleicht gehört das zur Intimität des Glaubens. Die Liebe zu Gott ist ebenfalls ein Liebesverhältnis, andere müssen nicht alles darüber wissen. Aber dass Peter Buchholz im Orden der Minderbrüder die Antwort gefunden hat auf die Frage, die sein Leben war, das weiß Bruder Andreas genau. Irgendwann stand er vor der Tür des Paderborner Franziskanerklosters und wollte rein. Nicht nur für einen Nachmittag, sondern jetzt für immer. Da war er dreißig Jahre alt.

Bei den Minderbrüdern von Paderborn begann er das Postulat am 1. September 1990. Kann schon sein, das Gottesbild des heiligen Franziskus hat ihn überwältigt. Gott ist nicht der, der größer nicht gedacht werden kann, wie die alten Philosophen glaubten, sondern Gott ist der immer noch Kleinere. Der Deus minor. Er wohnt in den unbedeutendsten Dingen. Und der frater minor, der Minderbruder, der Franziskaner, ist jemand, der das weiß. Darauf wäre kein Philosoph gekommen. Solche Botschaften kann man auch nicht kommunizieren, sie passen in kein Design – man weiß nur irgendwann, dass die eigene Seele Post hat. Die Botschaft ist angekommen. Was jetzt für Peter Buchholz begann, war auch eine Meerfahrt. An seiner Tür in Pankow hing eine Postkarte – Seehund sonnt sich auf Sandbank. Darunter stand: „Ich schlafe nicht, ich meditiere.“

1993 kam Bruder Peter nach Berlin ins Franziskanerkloster Pankow. Anfangs war er der Sozialberater des Klosters, so heißt das wohl in der Sprache des Kommunikationsdesigns. Franz von Assisi hätte nicht „Sozialberater“ gesagt, er hätte Bruder gesagt. Den anderen wie ein Bruder sein, wie ein Geschwisterkind. Wenn Gott der immer noch Kleinere ist, dann ist er auch in den Kleinsten des Lebens. Für Franz von Assisi gab es keine Haupt- und Nebenmenschen. Für Bruder Peter auch nicht. Obwohl er sehr viele „Hauptmenschen“ kannte. Manchmal fuhr er direkt von der Suppenküche ins Adlon zum Rotary Club. Er beherrschte das Kommunikationsdesign – fast nichts, was man im Leben lernt, ist wirklich umsonst. Er wusste, wie man im Adlon einen Scheck für die Suppenküche entgegennimmt. Oder wie man im Bundespräsidialamt auftritt, wenn statt 3000 nur 2000 Hauptmenschen kommen und noch Essen für die Suppenküche abzuholen ist.

1999 übernahm Bruder Peter die Suppenküche. Seitdem waren seine Tage nicht nur oft abends länger (Adlon!), sie begannen morgens auch früher. Um 6 Uhr 30 fuhr er zum Metro-Markt, die Zutaten des Tages einkaufen. Schließlich konnte das Bundespräsidialamt nicht immer für den Speiseplan der Suppenküche sorgen. Und immer aßen sie draußen. Erst in diesem Sommer wurde die neue Suppenküche mit Gastraum fertig, das schöne flache Haus mit den Milchglasscheiben, an denen die Worte des Franziskus stehen: Schwester Sonne, Bruder Mond, Bruder Wind, Schwester Wasser, Bruder Feuer, Mutter Erde, Bruder Mensch, Bruder Tod.

Ja, auch Bruder Tod. Als das Haus fertig war, war Bruder Peter schon länger krank. Die Ärzte hatten einen Tumor im Kopf diagnostiziert. Zwei Operationen hatte er hinter sich, zweimal hatte er es wieder geschafft. Er wollte das Leben wieder seine Schwester nennen. Aber dann lernte er das Schwerste von Franziskus. Nicht zu schreien und den Tod seinen Bruder zu nennen. Er machte noch eine letzte Reise. Natürlich aufs Meer, mit dem Schiff nach Spitzbergen, wo die Seehunde auf den Sandbänken meditieren.

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