Wirtschaft : Peter Fischer

(Geb. 1946)||Die Stadt ist grau nur für den, der keine Farben sehen kann.

Gregor Eisenhauer

Die Stadt ist grau nur für den, der keine Farben sehen kann. Es gibt Bilder; die Millionen erzielen, und Bilder, die niemand je kaufen wird. Es gibt Bilder, deren Kunst staunen lässt, und Bilder, deren Kitsch bestürzt; und es gibt Bilder, die etwas über das Leben verraten, über den Künstler, und darüber, warum ein Mensch sich der Malerei zuwendet, obwohl sie den wenigsten ein sorgenfreies Leben sichert.

Auf einem seiner letzten Bilder hat Peter Fischer eine Farblandschaft gemalt. Unstrukturiert auf den ersten Blick. Gekleckse. Dann liest man die schwarzen Linien, ein Gitterwerk der Imperative, das kaum mehr Raum lässt für die Farbe. Und dann staunt man, wie er die Zwischenräume genutzt hat, wo überall Farbauftrag noch möglich war, wie euphorisch diese Farben zusammenstimmen. Der erste, melancholische Eindruck verkehrt sich bei längerem Hinsehen ins augenzwinkernde Gegenteil.

Peter Fischer hat seit seinem 14. Lebensjahr gemalt. Für ihn eine Weise, sich zur Selbstständigkeit zu erziehen.

Die französische Großmutter war Hutmacherin gewesen, daher die künstlerische Neigung. Väterlicherseits stellte die Familie die besten Konditoren Leipzigs, daher der Sinn fürs Handwerkliche.

Einen Tag vorm Mauerbau kehrte der Vater in die DDR zurück. Die Mutter blieb mit den beiden Söhnen in München. Peter kochte für den Bruder, und die Mutter, nähte, bügelte, putzte Fenster; er war gern fürsorglich, wie später auch bei seinen Frauen und Freunden, seiner Tochter.

Er machte den Hauptschulabschluss, absolvierte eine Buchhändlerlehre, bewarb sich an der Kunsthochschule Stuttgart für die Klasse „Freie Malerei“ – und wurde aufgenommen.

Der Spagat des freien Künstlertums: Er war zeitweise als Werklehrer in der Jugendarbeit angestellt, organisierte eine Wanderausstellung über Blockheizkraftwerke, er war Akquisiteur, Bauhelfer, Lagerarbeiter, Beifahrer, Verkäufer von Künstlerbedarf, Wandbemaler, und er gab über 25 Jahre Kurse in der Volkshochschule, ohne je fest angestellt zu werden.

Ein Künstler in der Kulturarbeit, das heißt: ruhelos sein. Und Peter Fischer hielt diese Revolte gegen den Alltag ganz bewusst in Gang.

Er besetzte mit Kunstfreunden ein Haus in der Schillerstraße, die spätere „Villa Schilla“, in der er sich sein Atelier einrichtete. Er gründete eine Selbsthilfegalerie, protestierte in einer Plakataktion gegen die Etatkürzungen beim Kunstankauf der öffentlichen Hand, backte Gemüsetorte für das Charlottenburger Protestpicknick gegen eine Erhebung von Eintritt für den Park und hockte sich auch mal – trotzige Individualaktion – auf die Schienen, um gegen die Überfüllung der Usedomer Bäderbahn zu protestieren.

Ausrufezeichen setzen. Durch Eigenart. Durch Kunst. Durch Farbgestaltung. Die Stadt war sein natürlicher Lebensraum, und die Stadt bietet unendlich viele Flächen in den falschen Farben. Graffiti ist da nur ein stümperhafter Versuch. Wäre es nach Peter Fischer gegangen, hätte längst eine flächengreifende Bemalung von Funktionsbauten wie Fußgängertunneln, Autobahnbrücken, Mietskasernen einsetzen müssen.

Die Stadt ist grau nur für den, der keine Farben sehen kann. Deswegen war es ihm so wichtig, zur Farbe zu erziehen – und sei es, dass die Farbgestaltung in einer Kinderarztpraxis die Kleinen nicht schon vor der Behandlung zittern lässt.

Wer dem Zauber der Farben auf der Spur ist, kommt nie an ein Ziel. Seine Bilder sind oft nicht signiert, ohne Datum, weil immer noch in Arbeit. Unendliche Variationen des Farbauftrags.

Ein Trauma für ihn, sich vorzustellen, wie eines Tages all diese Bilder, denen er Licht gegeben hatte, in Kellern verschwinden würden. Er dachte oft daran, sie einfach alle zu verschenken.

Peter Fischer, dem gerade zwei Wochen blieben, die Krebs-Diagnose ernst zu nehmen, hinterließ viele Bilder, auf denen sein Lachen bleibt. Und viele Freunde, die es dennoch schmerzlich vermissen.

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