Wirtschaft : Peter Spacek

(Geb. 1930)||Zum Abendessen der Ruf „Watoto Chackula“. Mitten in Friedrichshain.

Dora Winkelmann

Zum Abendessen der Ruf „Watoto Chackula“. Mitten in Friedrichshain. Im Jahr 1964 verbringt der DDR-Bürger Peter Spacek eine Nacht in Kenia in einem sogenannten Treetop, einem Haus hoch oben in den Bäumen, luxuriös eingerichtet, zu erreichen über eine Leiter. Er weiß, dass in eben diesem Treetop der Königin Elisabeth der Zweiten die Nachricht vom Tod ihres Vaters und ihrer zukünftigen Krönung überbracht worden ist, er wird an sie gedacht haben in dieser Nacht.

Peter Spacek ist Journalist, ein Mensch, der es gewohnt ist, den großen Zusammenhang der Geschehnisse zu konstruieren, Vergangenheiten zu berücksichtigen. Ihm selber wird in dieser Nacht keine Nachricht überbracht. Der Blick aus dem Baumhaus geht über einen See weit in die kenianische Landschaft hinaus. Es dämmert früh. Man wartet eine kleine Weile. Aus dem Busch kommen Zebras und Antilopen. Nashörner. Große Familien von Elefanten, die majestätisch ins Wasser schreiten.

Peter Spacek ist Auslands-Korrespondent des Rundfunks der DDR. Er ist ein überzeugter Kommunist, jemand, der auf dem Begriff der politischen Heimat besteht. Sein Sehnsuchtsort jedoch heißt Afrika, eine Sehnsucht, der er nachgehen kann. Dass das ein Glücksfall ist, weiß er gut. Peter Spacek ist in Nossen geboren, im Februar 1930. Seine Mutter ist Schneiderin, sein Vater ein Wandervogel, der die Familie verlässt, bevor der Sohn auf die Welt kommt. Was bleibt, ist der Name Spacek, den kroatischen Vorfahren zu verdanken, und vielleicht auch eine gewisse Reiselust, ein Fernweh. Der liebste Aufenthaltsort des Jungen Peter soll der Nossener Bahnhof gewesen sein. Der Mutter verdankt er die Liebe zur Literatur, Ehrgeiz und Zuversicht, den ausgeprägten Familiensinn. Peter Spacek ist fünfzehn Jahre alt, als der Krieg zu Ende geht. Er macht sein Abitur, wird Ortsvorsitzender der FDJ, 1948 Mitglied der SED. Er studiert in Leipzig Journalismus und geht 1952 als Redakteur der „Täglichen Rundschau“, der sowjetischen Zeitung für die deutsche Bevölkerung, nach Berlin. Später wird er sagen, dass ihm in diesen Jahren die Phrase von der deutsch-sowjetischen Freundschaft mehr als lebendig geworden ist. 1955 löst sich die „Tägliche Rundschau“ auf und entlässt Spacek mit einer glänzenden Beurteilung und einer Medaille für „außergewöhnliche Leistungen“. Der Rundfunk der DDR übernimmt ihn und schickt ihn 1958 als Korrespondent nach Bagdad.

Peter Spacek sei, sagt seine Familie, nicht mutig gewesen, aber furchtlos. Ehrlich und zurückhaltend, eher kühl als zärtlich, ehrgeizig, scharfsinnig und genau. Ein guter Journalist, dem man das Staunen in der Stimme immer anhören konnte, und ein Familienmensch, bemüht darum, die eigene vaterlose Kindheit nicht zu wiederholen. Im Jahr 1959 kommt sein Sohn Uwe in Berlin zur Welt, ein halbes Jahr später heiraten Peter und Rosel Spacek, der zweite Sohn Ulf wird in Bagdad geboren, der Jüngste, Ivo, 1962 in Berlin. 1965 wird Spacek nach Tansania gerufen, er zieht mit Frau und Kindern nach Daressalam. Im Gepäck eine Schmalfilmkamera, Bücher und Musik von Beethoven, Mozart und Orff. Die Kinder gehen in eine eigene DDR-Schule und besitzen neben Hund und Katze auch einen Affen und ein Chamäleon. Rosel übernimmt die Leitung des Kindergartens. Sommerferien in der DDR, Alltag in Afrika. 1970 ist das vorüber. Die Familie verlässt Tansania und kehrt zurück nach Berlin, eine lange Rückreise für lange Jahre, sieben Wochen Passage auf dem Frachtschiff „Stollberg“. In England wird ihnen der Landgang verweigert, in den Visa-Papieren unter Staatsangehörigkeit steht: „zweifelhafte Nationalität“.

Peter Spacek ist seine Nationalität nicht zweifelhaft gewesen, der Gedanke, nicht zurückzukehren, ist ihm nie gekommen. In Berlin wird er Leiter der Asien-Afrika-Lateinamerika-Redaktion. In der Wohnung hängen afrikanische Schnitzereien an den Wänden. Trommeln, Schilder und Speere der Massai. Die Kinder werden abends auf Suaheli zum Essen gerufen – „Watoto Chackula!“ – fremd und schön klingt das über den Bolzplatz der Plattenbausiedlung in Friedrichshain. Das Fernweh bleibt. Spacek reist nach Chile und Peru, Syrien und Libyen, Sambia, Angola und Nigeria.

1989 fällt die Mauer. Die Lebenserinnerungen, die Spacek auf Rosels Drängen hin niedergeschrieben hat, enden hier. Der Rundfunk der DDR wird aufgelöst, die Kollegen werden zur Versammlung gerufen, dann einzeln in ein leeres Zimmer bestellt. Auf einem Tisch ein Telefon, das Telefon klingelt, eine körperlose Stimme am anderen Ende der Leitung verkündet Übernahme oder Kündigung. Peter Spacek geht in den Vorruhestand. „Meine gesamte produktive Zeit“, schreibt er „habe ich in der Periode der DDR zurückgelegt. Es war mein Leben. Soll ich nun etwa sagen, dass es ein verfehltes Leben war?“

Die DDR, schreibt er auch, habe zu Recht ihre Verwirklichung der sozialen Rechte gepriesen, alle anderen aber vergessen, so wie die BRD die sozialen Rechte über der Marktwirtschaft vergessen habe, nicht aber die Würdigung der individuellen Menschenrechte. Den Versuch, beides wieder zusammenzuführen, hätte er sich sehr gewünscht. Im Dezember 2005 ist er nach einem künstlichen Koma auf die letzte Reise gegangen.

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