Wirtschaft : Peter W. R. Leonhardt

(Geb. 1911)||Auf dem Schreibtisch soll nichts anderes liegen als die Füße.

Veronika de Haas

Auf dem Schreibtisch soll nichts anderes liegen als die Füße. Das Einzige, was von Bremen wirklich übrig blieb, war Wolfgangs Abneigung gegen Fisch. Immer wenn es zu Hause welchen gab, roch das ganze Pfarrhaus danach. Bald nach der Schule verließ er es Richtung Berlin. Dort ging er in die Kaufmannslehre und sonntags zu Onkel Martin essen.

Der rief der Haushälterin oft zu: „Bringen Sie doch mal die Kohlenschaufel für den jungen Herrn Leonhardt!“, wenn er den Eindruck hatte, der Löffel würde dem Jungen nicht genügen. Er selbst übernahm die Einführung des Neffen ins Kulturleben der Hauptstadt. Wolfgangs Vater, der Pfarrer, traute in der Zwischenzeit in Bremen einen Holländer und fragte ihn nach einem Job für seinen Sohn. Statt bei „Karisch Kaffee“ arbeitete Wolfgang bald in Tempelhof für KLM.

Zunächst musste er jedoch dem Präsidenten der Gesellschaft ein paar Fragen beantworten „Sprechen Sie Holländisch? Können Sie stenografieren? Waren Sie schon mal in der Luftfahrt tätig?“ Drei Mal Nein, und dennoch wurde er engagiert. 1934 war das. Tagsüber arbeitete er jetzt im Büro, nach Feierabend zeigte er den Flugzeugbesatzungen die Stadt und ihre Vergnügungsorte. Dort lernte er Jenny kennen, zwölf Jahre älter, Schauspielerin, eine exaltierte Dame und große Entertainerin, theatralisch nicht nur im Theater. An Jenny verlor Wolfgang außer seinem Herz auch seinen Namen. Sie nannte ihn Peter, und seither hieß er bei allen so. Jenny und Peter waren jeden Abend unterwegs, im Konzert, im Ballett, zu Empfängen oder in Bars. Bei der KLM erschien er dennoch immer pünktlich.

1941 interessierte sich die Gestapo für den deutschen Mann des holländischen Flugwesens. Nachts um vier holten sie ihn aus der Wohnung in der Wittelsbacher Straße. Er blieb ein halbes Jahr in Haft. Jennys Kontakte bewahrten ihn vorm Abtransport ins KZ. Aus der Zelle kam er als Zwangsrekrut zur Flugabwehr. Wie von allen unangenehmen Dingen im Leben erzählte er davon später wenig.

Nach dem Krieg lud der KLM-Chef höchstpersönlich Peter nach Amsterdam. Er sollte die Fluggesellschaft in Deutschland wieder aufbauen. Er kümmerte sich um die Niederlassungen in Frankfurt und in München, er wurde Distriktmanager mit Büro am Kudamm.

„Achte immer darauf, dass auf deinem Schreibtisch nichts anderes liegt als deine Füße“, war seine Devise. Dabei war er ein ausgesprochen geschäftstüchtiger Verkaufsdirektor: Er knüpfte unzählige Kontakte in der Tourismusbranche und auch zum Zoodirektor, er schmiss für Kunden Matjesparties – trotz Fischabneigung. In Hamburg, wohin er zwischendurch gewechselt hatte, übernahm er die persönliche Betreuung von Prinzessin Beatrix und Mann, wenn diese zu Besuch waren. Königin Juliana ließ ihn dann zum Ritter schlagen, wenn auch nicht für die Fürsorge ihrer Tochter gegenüber, sondern wegen der Verdienste für die holländische Luftfahrt. „Ridder von Oranje-Nassau“ durfte er sich nennen. Der Orden blieb neben dem Bundesverdienstkreuz und den anderen Ansteckern für immer in der Schublade.

1968 kam er wieder nach Berlin und übernahm auch die Geschäfte in der DDR. Er hatte ein Büro in der Friedrichstraße mit direkter Telefonverbindung in den Westen, er organisierte Flüge für den „VEB Kunstblume Sebnitz“ oder für östliche Fischereiflottenbesatzungen. Die Stasi folgte ihm natürlich zuverlässig zu den Geschäftsessen im Hotel „Metropol“.

Die Pensionierung bedeutete noch lange nicht seinen Ausstieg aus dem Geschäft. In der Branche schätzte man ihn sehr, vor allem wegen seiner Ostkontakte. Doch nach 52 Jahren im Dienst der Luftfahrt wollte Peter den Ruhestand genießen und vor allem mehr Zeit auf dem Golfplatz verbringen. An so einem hatte er einige Zeit vor Jennys Tod in Baden-Baden Rita, seine Sekretärin vom Kudamm, wiedergetroffen. Er brauchte fünf Jahre, sie zur Hochzeit zu überreden. Manchmal gingen sie ins Theater, meist jedoch auf Reisen und spazieren.

Mit Mitte neunzig wurde er schwerkrank. Er ordnete an, ohne Pfarrer und Freunde begraben zu werden. „Wer geht schon gern zu Trauerfeiern“, sagte er zu Rita. Sie hat trotzdem alle eingeladen.

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