Pfizer : „Wir wollen der Politik näher sein“

Andreas Penk, Deutschland-Chef des weltgrößten Pharma-Unternehmens Pfizer, über den Umzug nach Berlin und Flops bei der Medikamentenentwicklung.

Herr Penk, Sie haben einen undankbaren Job.

Das sehe ich ganz anders. Pfizer ist gerade in einer sehr spannenden Phase.

So kann man das auch sehen. Der Konzern will 10 000 Jobs streichen, Hunderte davon in Deutschland. Gerade gab es einen gigantischen Gewinneinbruch, weil ein Diabetesmittel floppte, das in Frankfurt produziert wird. Müssen Sie jetzt noch mehr Stellen abbauen?

Obwohl es sich bei dem Medikament um eine wirksame und sichere Innovation handelt, hat das Präparat nicht die erwartete Akzeptanz gefunden. Für die Beschäftigten bei Pfizer Manufacturing Frankfurt gilt selbstverständlich nach wie vor die Arbeitsplatzgarantie bis Ende 2008.

Die Produktion in Frankfurt ist stillgelegt. Was passiert jetzt mit dem Standort?

Das Werk in Frankfurt zählt weltweit zu den modernsten biotechnologischen Produktionsanlagen. Wir werden nun sorgfältig prüfen, welche Option für den Standort am besten ist.

Ist der Umzug der Pfizer-Zentrale von Karlsruhe nach Berlin, den Sie für Mitte nächsten Jahres planen, jetzt gefährdet, weil Sie noch mehr sparen müssen?

Wir gehen nach Berlin. Daran wird sich nichts ändern.

Warum schafft es der weltgrößte Pharmakonzern der Welt nicht, erfolgreiche neue Medikamente auf den Markt zu bringen?

Wir machen sehr gute Fortschritte mit Neueinführungen. Das Raucherentwöhnungsmittel Champix, das seit Frühjahr auf dem Markt ist, verkauft sich sehr gut. Auch Sutent, ein neues Medikament zur Behandlung von Nierenzellkrebs, ist sehr gut gestartet.

Das kann die Löcher in Ihrer Medikamenten-Pipeline aber nicht stopfen. Im vergangenen Dezember musste der Konzern die Entwicklung seines wichtigsten Hoffnungsträgers, eines Cholesterinsenkers stoppen, nachdem Testpatienten gestorben waren. Die Pfizer-Aktie verlor innerhalb eines Tages 21 Milliarden Euro an Wert. Wie konnte das passieren?

Pharma ist ein Hochrisikogeschäft. Von 10 000 Substanzen, die Forscher als mögliches neues Medikament identifizieren, landet statistisch gesehen nur ein Wirkstoff Jahre später in der Apotheke. An der Höhe der Forschungsausgaben liegt das sicher nicht. Pfizer hat die Investitionen in den vergangenen Jahren ständig erhöht, zuletzt auf 7,6 Milliarden Dollar. Damit liegen wir weltweit an der Spitze.

Sie stehen unter Zeitdruck. Der Patentschutz für Pfizers lukratives Anti-Depressionsmittel Zoloft ist abgelaufen, auch von Ihrem Cholesterinsenker Sortis – dem umsatzstärksten Medikament der Welt – verkaufen Sie deutlich weniger. Wie reagiert Pfizer darauf, außer Stellen abzubauen?

Wir sind in einer Umbauphase. Wir haben eingesehen, dass wir schneller und flexibler auf die Bedürfnisse unserer Kunden reagieren und die Produktivität erhöhen müssen. Am Ende geht es darum, dass Pfizer ein stabiles Fundament aufweist für die zukünftige Entwicklung. Wir sind sehr gut unterwegs.

Ihr Vorgänger hat noch im Januar der deutschen Gesundheitspolitik eine Mitschuld an der Pfizer-Misere gegeben, wegen ,zunehmend dirigistischer Eingriffe’. Verlegen Sie die Deutschland-Zentrale nach Berlin, um mehr Einfluss zu nehmen?

Das Problem in Deutschland ist, dass Innovationen zu wenig geschätzt werden. Darum müssen wir stärker kommunizieren, was ein Medikament wert ist und wie es finanziert werden kann. Das ist einer der Gründe, warum wir nach Berlin umziehen. Wir wollen näher an den Akteuren des Gesundheitswesens und der Gesundheitspolitik sein, um den Dialog über die Gesundheit noch intensiver zu führen.

Aus konkretem Anlass? Die Arzneimittelausgaben der Krankenkassen werden in diesem und im nächsten Jahr wieder stark ansteigen, erwarten Experten. Rechnen Sie noch bis zur Bundestagswahl 2009 mit neuen Spargesetzen?

Ich bin zuversichtlich, dass bis dahin keine Restriktionen mehr kommen werden. Mit der Interpretation der Zahlen sollte man im Übrigen vorsichtig sein, weil die kostendämpfende Wirkung von Rabattverträgen zwischen Kassen und Herstellern noch nicht absehbar ist.

Um zu sparen, kaufen viele Patienten ihre Medikamente im Internet. Da offerieren aber auch viele dubiose Anbieter unter anderem Pfizers Potenzmittel Viagra. Würden Sie generell davon abraten, Medikamente online zu bestellen?

Wir haben den Eindruck, dass Fälschungen zunehmen, nicht nur bei Viagra und nicht nur im Internet. In England haben die Behörden zum Beispiel gefälschte Lipitor-Tabletten (deutscher Handelsname: Sortis; Anm. d. Red.) in der normalen Handelskette gefunden. Je älter die Bevölkerung wird, desto größer wird der Markt, desto größer ist die Versuchung von Fälschern, in das Geschäft einzusteigen. Ich halte die Beratung durch den Arzt und den Kauf von Medikamenten in der Apotheke daher noch immer für den sichersten Weg. Aber es gibt natürlich auch im Internet sichere Quellen.

2008 ziehen Sie nach Berlin. Was bringen Sie eigentlich als Geschenk mit?

Uns. Die Zentrale eines führenden Pharmaunternehmens und 500 Arbeitsplätze.

Wie viele davon werden Sie hier neu ausschreiben?

Wir versuchen noch, möglichst alle Mitarbeiter aus Karlsruhe zum Umzug zu bewegen. Wie viele das sein werden, kann ich noch nicht sagen.

Berlin zieht immer mehr Pharmaunternehmen an. Auch Sanofi-Aventis hat seine Deutschland-Zentrale hierher verlegt. Was erwarten Sie hier?

Wir sind nach Berlin gekommen, um enger zu kooperieren, nicht nur mit der Politik. Es gibt hier mit diversen wissenschaftlichen Einrichtungen, Kliniken wie der Charité und Biotech-Firmen viele interessante Ansprechpartner. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir künftig noch mehr hochklassige wissenschaftliche Forschung nach Berlin holen können.

Pfizer hatte sich in Deutschland lange einen erbitterten Kampf mit der Politik geliefert, weil sie die Kassenerstattung für Ihren Cholesterinsenker Sortis gesenkt hatte. Was haben Sie sich vorgenommen für den künftigen Umgang mit der Politik?

Wir haben vor, in einen möglichst konstruktiven Dialog einzutreten. Zum Beispiel über Kooperationen wollen wir unser Know-how stärker einbringen. Alle gesetzlichen Vorgaben werden wir dabei auf Punkt und Komma erfüllen. Da wird es keine Abstriche geben. Inzwischen hat sich aus unserer Sicht das Umfeld positiv verändert.

Das Gespräch führte Maren Peters

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