Pflege in Not : Gewerkschaften und Verbände warnen vor Fachkräftemangel

Verdi und Awo schlagen Alarm: Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt, gleichzeitig gibt es immer weniger gut ausgebildete Pflegekräfte. Die Verbände setzen auf Fachkräfte aus dem Ausland.

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Wer kümmert sich künftig? Der Arbeitgeber-Pflegeverband spricht sich für Zuwanderung auch aus Ländern außerhalb der Europäischen Union aus.
Wer kümmert sich künftig? Der Arbeitgeber-Pflegeverband spricht sich für Zuwanderung auch aus Ländern außerhalb der Europäischen...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Situation in der Altenpflege wird immer dramatischer. Um den Personalmangel zu decken, „müsste schon heute jeder dritte Haupt- oder Realschulabgänger in die Pflege gehen“, sagte Steffen Ritter, Sprecher des Arbeitgeberverband Pflege dem Tagesspiegel. Um dem Mangel entgegenzuwirken, sei Aufklärung erforderlich, denn viele junge Leute wüchsen heute nicht mehr in großen Familien auf und hätten „gar keine Vorstellung davon, wie alte Menschen leben“. Gleichzeitig sei allein die „Altenpflege mit rund 900 000 Beschäftigten ein größerer Arbeitsmarkt als die Automobilindustrie“ sagte Ritter weiter.

Der Sprecher des Arbeitgeberverbands Pflege äußerte sich anlässlich eines „Memorandums“, dass die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und die Arbeiterwohlfahrt (Awo) am Freitag vorstellten. Danach wird die Zahl der Pflegebedürftigen von heute rund 2,4 Millionen in den nächsten 20 Jahren auf 3,4 Millionen steigen. „Die Pflege ist ein Wachstumsmarkt“, sagte Verdi-Vorstandsmitglied Ellen Paschke. Gleichzeitig fehlten immer mehr Fachkräfte. Bis 2030 drohe eine Lücke in der gesamten Gesundheitsversorgung von mehr als 950 000 Fachkräften.

Die undurchsichtige Ausbildungsvergütung auf Länderebene und ein „hoher Kosten- und Leistungsdruck“ schreckten viele Menschen ab, den Pflegeberuf zu ergreifen, sagte Brigitte Döcker, Vorstandsmitglied der Awo. Verbandssprecher Ritter relativierte den hohen Kostendruck. „Da gibt es viel Unwissenheit“, sagte er dem Tagesspiegel und wies auf die seiner Ansicht nach ordentlichen Gehälter hin. So verdiene eine ausgebildete Pflegefachkraft im Raum Berlin-Brandenburg als Einstiegsgehalt durchschnittlich 2300 Euro brutto plus Zuschläge. Als Fachkraft mit mehrjähriger Berufserfahrung steige das Gehalt auf 2500 bis 2800 Euro. Für Pflegehilfskräfte ohne Ausbildung gilt seit August 2010 ein Mindestlohn von 8,50 Euro die Stunde im Westen und 7, 50 Euro im Osten.

Neben der Aufklärungsarbeit an Schulen seien weitere Maßnahmen nötig, um dem Pflegefachkräftemangel zu begegnen. So fordern Awo und Verdi in ihrem Memorandum, die staatliche Finanzierung von Umschulungen auf Bundesebene sicherzustellen. So könnten sich „auch Arbeitslose im Rahmen einer dreijährigen fundierten Ausbildung für den Pflegeberuf qualifizieren“ sagte Paschke. Die Finanzierung des dritten Umschulungsjahres wurde vom Bund gestrichen, die Kosten für Umschulungen älterer Erwerbsfähiger tragen die Länder.

Ein weiteres Problem: Trotz der seit Mai geltenden Arbeitnehmerfreizügigkeit, die es Fachkräften aus dem EU-Ausland erlaubt in Deutschland zu arbeiten, werden deren Abschlüsse hier oft nicht anerkannt. Jedes Bundesland hätte hier eigene Regelungen, sagte Verbandssprecher Ritter. Nach Einschätzung von Verdi trägt dieses Wirrwarr auch zur Schwarzarbeit und illegaler Beschäftigung bei. Die Gewerkschaft fordert deshalb eine bessere Integration von EU-Ausländern und eine angemessene Bezahlung.

In Österreich und Großbritannien gebe es „bessere Arbeitsbedingungen als hier“ sagte Verdi-Vorstand Paschke, da die Arbeitnehmerfreizügigkeit dort früher umgesetzt wurde und ausländische Fachkräfte aus der Illegalität herausgeholt wurden. Nach Meinung von Verbandssprecher Ritter ist Deutschland langfristig „auch auf Pflegepersonal aus nicht EU-Staaten angewiesen“. Anders sei der steigende Bedarf nicht zu decken.

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