Wirtschaft : Pharma-Aktien: Mit Nebenwirkung

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Wenn der High-Tech-Sektor unter Druck gerät, erhalten Pharmawerte Auftrieb. Auf diese technische Reaktion war auch in den vergangenen Wochen Verlass. Die Krise bei Bayer hat insofern den Ruf der Pharmabrache als sicheres Rückzugsgebiet bisher offenbar nicht in Frage gestellt. Zwar bescherte der Rückruf des Medikamentes Lipobay dem Leverkusener Konzern selbst einen herben Wertverlust. Andere Pharmawerte wurden davon jedoch praktisch nicht in Mitleidenschaft gezogen. Die Mehrzahl der Werte, sowohl in Europa als auch in den USA, konnte dagegen zuletzt wieder leicht zulegen. Wenn der Fall Bayer tatsächlich ein Signal dafür sein sollte, dass die Risiken im Pharmageschäft generell zunehmen, wird dies vom Kapitalmarkt bisher jedenfalls nicht so interpretiert.

Offen bleibt indes die Frage, ob und inwieweit der Pharmasektor aus der Position der Stabilität heraus zu einem neuen Aufschwung ansetzen kann. Dass die Branche unterschwellig längst einiges an Glanz verloren hat, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass sich die großen Pharmawerte seit mehr als zwei Jahren im Durchschnitt fast nur noch seitwärts bewegen. Der S & P Pharma Index liegt derzeit in etwa auf dem Niveau von Anfang 1999, die 14 Werte des FTSE Pharma-Index haben in diesem Zeitraum gerade einmal 15 Prozent zugelegt. Relativ zu ihren Gewinnen, die weiter zweistellig zulegten, haben sich großen Pharmaunternehmen also in den vergangenen beiden Jahren bereits spürbar verbilligt. Ein sicheres Indiz dafür, dass die Branche von vielen Investoren bereits als ein nicht mehr ganz so sicherer Hafen angesehen wird.

Mehrere Faktoren stehen hinter dieser Entwicklung: Zum einen natürlich die bekannte Sorge, dass das stürmische Wachstum des US-Pharmamarktes nachlassen könnte. Davon ist bisher in den Zahlen nichts zu spüren. Den letzten Daten des Marktforschungsunternehmens IMS zufolge wächst der US-Apothekenmarkt weiter mit einer Jahresrate von 15 Prozent und der Weltpharmamarkt um etwa zehn Prozent. Aber die in den USA beginnende Diskussion über Arzneimittelkosten und eine Gesundheitsreform setzen zumindest ein leichtes Fragezeichen hinter den bisherigen Trend.

Patente laufen aus

Als Bremse könnte sich zudem der Patentablauf bei einer ganzen Reihe umsatzstarker Produkte erweisen. Betroffen davon sind unter anderem US-Firmen wie Merck & Co, Lilly oder Bristol-Myers, aber auch Europäer wie Astra Zeneca oder Bayer. Eingetrübt wird das Klima im Pharmasektor schließlich auch durch die zunehmend strengere Haltung der US-Zulassungsbehörde FDA, die in den vergangenen Monaten bei zahlreichen Zulassungsanträgen ergänzende Daten oder Studien verlangte, oder Anträge sogar gänzlich ablehnte. Durch den Fall Lipobay werden die Zulassungsbehörden nun zweifellos zusätzlich sensibilisiert für potenzielle Risiken, insbesondere bei den großen Massenprodukten. Das wiederum könnte vor allem die großen, auf so genannte "Blockbuster" ausgerichtete Pharmariesen stärker in Bedrängnis bringen, als ihre kleineren Konkurrenten.

Das alles darf aber auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es hier letztlich nur um graduelle Veränderungen geht. Vor allem der generelle demografische Trend, das heißt die Überalterung vieler Gesellschaften, spricht für eine langfristig wachsende Nachfrage nach Arzneimitteln. Gleichzeitig reifen in den Labors der Pharma- und Biotechbranche eine Rekordzahl neuer Produkte heran. Es dürfte daher auch den großen Pharmareisen kaum schwer fallen, ihre Umsätze weiter zu steigern, wenn auch nicht im bisherigen Tempo. Hinzu kommen Ertragsreserven, die aus der internen Neuordnung oder weiteren Fusionen realisiert werden können. Gewinnsteigerungen von jährlich zehn bis 15 Prozent, wie viele Analysten unterstellen, erscheinen also auch für die kommenden Jahre keineswegs unrealistisch.

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