Wirtschaft : Pharma-Industrie: Die Konzerne werfen Ballast ab

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Pharmaunternehmen versuchen immer intensiver, sich immer stärker ausschließlich auf das Geschäft mit Arzneimitteln zu konzentrieren. Das Leitbild des reinrassigen Pharmaunternehmens hat sich damit als Orientierungspunkt für die Pharmastrategen etabliert. Die Pläne des Aventis-Konzerns, seine Agrosparte zu verkaufen, sind der vorerst letzte Beleg für diesen Trend. Bei amerikanischen Unternehmen wie Pfizer, Lilly oder Merck & Co führte die Strategie bereits in den 90er Jahren zu einer ganzen Reihe von Teilverkäufen. Zuletzt hat sich der Pharma- und Konsumgüterkonzern Bristol-Myers dem Konzept angeschlossen. Um die Konzentration auf Pharma zu verstärken, will er sich jetzt unter anderem von seiner Kosmetiksparte trennen.

Schering lange Vorreiter

In Europa blieb die Berliner Schering AG lange Zeit allein mit dem Konzept, ausschließlich auf Pharma zu setzen. Es dominierte zunächst vielmehr die "Life-Science"-Idee, die auf Synergien zwischen Arzneimittelgeschäft und anderen Gesundheitsaktivitäten wie Agrochemie, Lebensmittel oder Diagnostika vertraute. Erst gegen Ende des vergangenen Jahres setzte auch hier der Wandel ein.

So haben sich Ende 1999 bereits Novartis und Astra-Zeneca dazu entschlossen, ihre Agrosparten zu bündeln und unter dem Namen Syngenta eigenständig an die Börse zu bringen. Der Schweizer Roche-Konzern spaltete auf ähnliche Weise im Frühjahr seine Duftstoff-Gruppe Giveaudan ab. Beobachter rechnen nun damit, dass der Baseler Konzern über kurz oder lang auch sein Vitamingeschäft verselbständigt.

Ebenfalls in Richtung reinrassiges Pharmaunternehmen zielt die Entscheidung des dänischen Unternehmens Novo Nordisk, seine Enzym-Aktivitäten abzuspalten. Nachdem die Aktionäre den Schritt in der vergangenen Woche absegneten, wird die Trennung rückwirkend zum Jahresbeginn 2000 wirksam. Novo Nordisk entstand vor elf Jahren aus der Fusion der Unternehmen Novo Industrie und Nordisk Gentofte und entwickelte sich in der Folgezeit zu einem der führenden Hersteller von industriellen Enzymen sowie von Insulin. Die Trennung, stellt der Vorstand des Unternehmens jetzt fest, sei ein natürlicher Schritt in der Entwicklung des Unternehmens. Denn die Unterschiede zwischen den beiden Geschäftsfeldern seien in den vergangenen Jahren immer größer geworden.

Die Neuordnung und stärkere Konzentration auf Pharma wird indes nicht nur durch die Einsicht vorangetrieben, dass die Synergien zwischen den verschiedenen Life-Science-Sparten häufig fehlen. Vielfach geht es auch schlicht darum, sich von Sparten mit schwächeren Gewinnmargen - jedenfalls im Verhältnis zum Pharmageschäft - zu trennen. Das gilt sowohl für Chemie und Pflanzenschutz als auch für die meisten Konsumgüter-Aktivitäten.

Druck in Richtung Aufspaltung übt ferner der Kapitalmarkt aus. Denn gemessen an ihrem Gewinn werden reinrassige Pharmaunternehmen in aller Regel deutlich höher bewertet als diversifizierte Konzerne. Es besteht für diese daher erheblicher Anreiz, ihre Bewertung durch eine stärkere Konzentration auf das Pharmageschäft zu verbessern. Dieser Effekt ließ sich unter anderem bei Novo Nordisk, Aventis und Novartis beobachten.

Ein Problem dieser Unternehmen besteht auch darin, dass sie auf Grund ihrer relativ niedrigen Bewertung nur über eine schwache "Akquisitionswährung" zum Ausbau von Pharmaaktivitäten verfügen. Die Neuordnung im Life-Science-Sektor läuft damit indirekt auch darauf hinaus, Aktivitäten entsprechend ihrer Margen und Bewertungen zu bündeln.

Begünstigt wird der Trend zum "pure play" schließlich auch durch die stärkere Konzentration in der Chemieindustrie. So dürfte zum Beispiel beim Ludwigshafener Konzern BASF nicht zuletzt die starke Expansion der verschiedenen Chemiesparten Überlegungen ausgelöst haben, sich von der weitaus kleineren Pharmasparte zu trennen.

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