Wirtschaft : Pharmabranche im Inlandstief

Konzerne machen Flaute im Export wett / Ärzte verordnen mehr Neuentwicklungen

MANNHEIM (shf).Zweistellige Umsatzeinbußen im Juli und August haben auf dem deutschen Pharmamarkt alle Hoffnungen auf ein leichtes Wachstum im Gesamtjahr wieder zunichte gemacht.Vor allem mittelständische Anbieter ohne Ausgleich im Export geraten unter Druck.Mit der abrupten Wende zur Jahresmitte erlebt die erfolgsverwöhnte Pharmabranche ihren zweiten Markteinbruch innerhalb von nur zwölf Monaten.Hauptauslöser sind die seit Anfang Juli geltenden deutlich erhöhten Arzneimittel-Zuzahlungen für Patienten.Weil sich viele Patienten im Vorfeld der Neuregelung noch Vorräte anlegten, ist der Apothekenmarkt nach Angaben des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI) zwar im Juni noch außergewöhnlich stark um 23 Prozent und im gesamten 1.Halbjahr noch um knapp fünf Prozent auf 13,1 Mrd.DM expandiert.Doch diese Zuwächse wurden von den Einbußen im Juli und August wieder vollständig aufgezehrt.Allein im August lagen die Erlöse der Branche nach Daten des Pharmagroßhandels um rund 15 Prozent unter Vorjahresniveau. Ähnliche Erfahrungen mußten die Arzneimittelhersteller bereits im vergangenen Herbst machen, als die Medizinerschaft durch drohende Regressforderungen wegen Überschreitung der Arzneimittelbudgets stark verunsichert wurde und die Verordnungen drastisch einschränkte.Für das Gesamtjahr 1997 bewegen sich die Marktprognosen der Branche jetzt zwischen Stagnation und minus fünf Prozent.Auch für 1998 erscheinen die Perspektiven auf dem Inlandsmarkt eingetrübt.Noch bestehe kein Anlaß zu Panik, sagt der Deutschland-Chef von Hoechst Marion Roussel, Heinz Werner Meier, dem "Handelsblatt", "aber wir müssen davon ausgehen, daß sich der Markt einstweilen nur flach entwickelt." Schwerer noch als die Wachstumsschwäche dürfte indes die Tatsache wiegen, daß sich die Branche weiter differenziert.Dem Druck der neuerlichen Sparmaßnahmen begegnet die Ärzteschaft, wie Industrievertreter berichten, auf zwei Wegen.Sie verschreibt verstärkt innovative und damit relativ teure Medikamente.Außerdem setzt sie aber bei patentfreien Substanzen noch mehr auf Billigstanbieter und beginnt die Verordnungen im Bereich der sogenannten "weichen Indikationen" generell einzuschränken. Die deutschen Ärzte, faßt ein Branchenkenner die Entwicklung zusammen, "verhalten sich zum ersten Mal wirklich rational".Wie bereits im vergangenen Herbst werden daher von den jüngsten Sparmaßnahmen Arzneimittel gegen weniger bedrohliche Leiden wie Erkältungskrankheiten besonders getroffen.Solche Präparate indes bilden bei vielen Mittelständlern das Rückgrat des Geschäfts.Etwaige Hoffnungen, daß die Verbraucher bereit sind, für diese Produkte selbst tiefer in die Tasche zu greifen, haben sich bislang offenbar nicht erfüllt.Zu den Gewinnern des Wandels zählen derzeit vor allem große Auslandskonzerne, wie Merck & Co, Pfizer, Lilly, Astra oder Smithkline Beecham, die dank erfolgreicher Neuentwicklungen bereits in den vergangenen Jahren mit zweistelligen Wachstumsraten ihre Position auf dem deutschen Markt deutlich ausgebaut haben.Das Gros der einheimischen Hersteller muß dagegen mit stagnierenden Erlösen und spürbaren Umsatzeinbußen auf dem Inlandsmarkt rechnen.Während diesen Abschwung die global tätigen Hersteller wie Hoechst, Bayer oder Boehringer Ingelheim durch eine starke Auslandsnachfrage und günstige Währungsrelationen mehr als kompensieren können, dürften kleinere Unternehmen mit geringer Exportquote stark unter der jüngsten Entwicklung leiden.Beobachter gehen daher davon aus, daß sich in diesem Marktsegment die Konzentration erneut verstärkt.Das gilt auch für die Generikabranche.Zwar hat sich der Druck zur Verordnung von Nachahmer-Produkten grundsätzlich weiter verstärkt.Doch verlagert sich die Nachfrage immer stärker in das von preisaggressiven Billigstanbietern beherrschte untere Segment des Marktes.

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