Wirtschaft : Pharmafirmen wollen nicht mehr investieren

Forschende Arzneimittelhersteller sehen Standort Deutschland gefährdet – weiterer Arbeitsplatzabbau

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Berlin (pet). Die Pharmaunternehmen Altana und Schwarz Pharma erwarten in dieJahr wegen der Gesundheitsreform erhebliche Einbußen im Inlandsumsatz. Der Vorstandsvorsitzende von Schwarz Pharma, Patrick SchwarzSchütte, sagte am Montag, er erwarte als Folge der Gesundheitsreform im Deutschland-Geschäft 2004 erstmals rote Zahlen und kündigte Stellenstreichungen an. Auch das Pharmaunternehmen MSD Sharp&Dohme will wegen der Gesundheitsreform zehn Prozent der Stellen streichen und die Investitionen stoppen. Der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VFA) kritisierte am Montag an der für 2004 geplanten Reform die Erhöhung der Rabatte, die Pharmafirmen gewähren müssen, von jetzt sechs auf 16 Prozent und die Einbeziehung patentgeschützer Arzneimittel in die Festpreisbindung.

Auch andere Pharmaunternehmen wie Schering, Boehringer-Ingelheim und Merck hatten in den vergangenen Tagen vor Millioneneinbußen infolge der geplanten Gesundheitsreform gewarnt. Schering will unter anderem deshalb bis Jahresende 300 Arbeitsplätze in Deutschland streichen.

Auch der Monheimer Pharmahersteller Schwarz Pharma will als Folge der Reform 200 Arbeitsplätze in Deutschland abbauen. Außerdem sehe sich das Unternehmen zu einem Investitionenstopp gezwungen, sagte Vorstandschef Schwarz-Schütte, der auch Vorstandsmitglied im VFA ist. An der Prognose für das Gesamtjahr hält das Unternehmen, das rund zehn Prozent seines Umsatzes in Deutschland erzielt, aber fest: „Falls die Gesundheitsreform so kommt wie geplant, würde in Deutschland aus einem Gewinn von zehn Millionen Euro ein Verlust von zehn Millionen Euro“, sagte eine Sprecherin des Unternehmens.

Altana erwartet achtes Rekordjahr

Bei Altana schrumpfte der Inlandsumsatz, der rund 17 Prozent des Gesamtumsatzes ausmacht, im ersten Halbjahr um vier Prozent auf 235 Millionen Euro. Dabei hätten sich insbesondere der bereits gültige Zwangsrabatt von sechs Prozent negativ auf die inländischen Pharmaumsätze ausgewirkt, teilte Altana mit. Im Gesamtunternehmen stieg der Umsatz im ersten Halbjahr um zehn Prozent auf rund 1,1 Milliarden Euro, in den USA sogar um 28 Prozent. Deutlich stärker als der Umsatz legte das operative Ergebnis (Ebit) zu: plus 24 Prozent auf 324 Millionen Euro. Altana erwartet 2003 das achte Rekordjahr in Folge. Hauptumsatzträger ist das Magensäuremittel Pantoprazol.

Damit liegt das Unternehmen nach Meinung des Pharmaverbandes VFA aber nicht im Trend. „Ein staatlich verordneter 16-prozentiger Zwangsrabatt und die Aushebelung des Patentschutzes durch Festbeträge stellen Deutschland als zukunftsfähigen Forschungsstandort grundsätzlich in Frage“, sagte VFA-Hauptgeschäftsführerin Cornelia Yzer. Die wirtschaftspolitischen Folgen würden gravierend sein und dem Standort Deutschland schaden, warnte sie. Die Branche sei durch die seit 1999 ergriffenen gesetzlichen Maßnahmen in diesem Jahr bereits mit Umsatzverlusten von über zwei Milliarden Euro belastet. Mit den für 2004 geplanten Maßnahmen bewegten sich die Einbußen auf die Drei-Milliarden-Marke zu, sagte Yzer.

Der Gesundheitsökonom Michael Schlander von der Universität Witten/Herdecke geht dagegen nicht davon aus, dass allein die Gesundheitsreform Grund für Investitionsentscheidungen der Pharmaunternehmen sein kann. „Ein Unternehmen sucht den Forschungsstandort nach anderen Kriterien aus als nach dem aktuellen Zustand der Gesundheitsreform“, sagte Schlander dieser Zeitung. Bestes Beispiel dafür sei der erfolgreiche Pharmastandort England, der trotz wesentlich restriktiverer politischer Rahmenbedingungen gedeihe.

Trotzdem kritisierte Schlander die Erhöhung der Pharmarabatte. „Ich halte das für eine irrationale Vorgehensweise, die die Industrie ohne Zweifel trifft“, sagte der Ökonom. Die Frage nach der Kosten-Nutzen-Relation von Arzneimitteln habe bei der Reform keine Rolle gespielt. „Das kann nicht das letzte Wort gewesen sein.“

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