Pharmaindustrie : Britischer Konzern übernimmt Berliner Jerini

Einer der großen Hoffnungsträger der Gesundheitsstadt Berlin kommt in britische Hände. Der Pharmakonzern Shire übernimmt den Kern der Berliner Biotech-Firma Jerini.

Jerini
1992 gegründet, 2005 an die Börse, 2008 verkauft: die Berliner Firma Jerini. -Foto: ddp

Das Unternehmen war 1992 von dem Biochemiker Jens Schneider-Mergener als eine Ausgründung aus der Charité gestartet worden. Rund 160 Mitarbeiter beschäftigt Jerini, den ganz überwiegenden Teil in Berlin. „Ich bin sicher, dass die Arbeitsplätze erhalten werden“, sagte Schneider-Mergener am Donnerstag. „Sie werden im nächsten Halbjahr noch von uns hören.“

Shire übernimmt Jerini wegen des Kernprodukts, das unter den Namen Firazyr und Icabitant bekannt ist. Damit wird eine überaus seltene Krankheit behandelt, die schmerzhafte Schwellungen an den Extremitäten verursacht und zu lebensbedrohlichen Erstickungsanfällen führen kann. Weltweit sind Schätzungen zufolge rund 10 000 Menschen daran erkrankt; allein in Europa rechnet Jerini mit Firazyr-Umsätzen von bis zu 150 Millionen Euro. Die Markteinführung steht hier in den kommenden Monaten an.

Und mit Shire gibt es dafür nun einen finanzstarken Konzern. Schneider-Mergener sprach von einem „idealen Partner“. Die Briten zahlen 6,25 Euro pro Aktie, das ist rund zweimal so viel wie der Durchschnittskurs der Jerini-Aktie in den vergangenen drei Monaten. Am Donnerstag sprang der Preis der Jerini-Aktie um fast 70 Prozent auf 6,16 Euro. Alles in allem zahlt Shire knapp 370 Millionen Euro für das Unternehmen. Neben Vorstandschef Schneider-Mergener machen auch die Großaktionäre TVM Capital und HealthCap nun Kasse. Jerini hat in den vergangenen Jahren Wagniskapital und Einnahmen aus dem Börsengang von 130 Millionen Euro verbraucht; das bekommen die Kapitalgeber und der Gründer Schneider-Mergener nun fast dreifach zurück. Angesichts des schwachen Börsenumfelds sprach Schneider-Mergener von einem „vollen Erfolg“.

Den Verkauf seines „Babys“ sehe er „mit einem weinenden und einem lachenden Auge“. Entscheidend sei jedoch, dass das Medikament bald beim Patienten ankomme. Seine Zukunft sehe er „vielleicht als Berater“; aus dem Kollegenkreis bei Jerini werde es „neue Unternehmer geben“, die womöglich an der Vermarktung des einen oder anderen Produkts, das Jerini noch in der Pipeline hat, arbeiten. Schneider-Mergener zufolge arbeiten derzeit rund 60 Personen in der Berliner Forschung. Relativ weit sei die Entwicklung eines Nachfolgepräparats von Firazyr/Icabitant, dessen klinische Prüfung 2009 beginnen könne. Ähnlich sei der Stand bei einem Krebsmedikament. Doch es sei für so eine kleine Firma „fast unmöglich, ein Medikament durch die Zulassungen zu bringen“. Jedenfalls ist es zeit- und kostenintensiv. Im vergangenen Jahr machte Jerini noch 29 Millionen Euro Verlust. alf

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