Pharmaindustrie : Recht und teuer

Eine Krankheit lässt viele Patienten erblinden. Hersteller und Kassen streiten über Medikamente und Geld.

Rainer Woratschka
augenarzt
Untersuchung beim Augenarzt. Auch viele Mediziner sind verunsichert, welche Arznei sie verschreiben sollen und dürfen. -Foto: ddp

Berlin - Wenn sich Pharmahersteller und Krankenkassen streiten, geht es fast immer ums Geld. In diesem Fall sind es viele Millionen Euro. Und die Leidtragenden sind die Patienten. In diesem Fall: Augenkranke, denen als Folge verzögerter Behandlung die Erblindung droht.

Die Krankheit heißt „feuchte altersabhängige Makula-Degeneration“ (AMD), 485 000 Menschen in Deutschland leiden daran. Und das Problem ist nicht etwa, dass es kein Medikament dagegen gibt, sondern dass inzwischen zwei davon auf dem Markt sind: „Lucentis“ von Novartis und „Avastin“ vom Pharmahersteller Roche. Das Novartis-Medikament, seit Januar 2007 in den Apotheken, ist richtig teuer. Eine Dosis kostet mehr als 1500 Euro. Und das andere, im Preis gut 30 Mal günstigere, hat den Makel, dass es formal nur als Mittel gegen Darmkrebs und damit für eine ganz andere Erkrankung zugelassen ist. Es wurde zwar auch erfolgreich und sogar vorwiegend gegen Makula-Degeneration eingesetzt. Erlaubt war solcher „Off-Label-Use“ aber nur so lange, wie es keine zugelassene Behandlungsalternative gab.

Rein rechtlich wäre die Sache also klar: Augenärzte dürften nur noch das neue, teurere Mittel injizieren. Doch angesichts des gewaltigen Preisunterschieds und der befürchteten Kostenlawine muckten die Krankenkassen auf. So vereinbarten Barmer Ersatzkasse, DAK und Innungskrankenkassen mit dem Verband der chirurgischen Augenärzte in Nordrhein-Westfalen, weiterhin Avastin verwenden zu dürfen. „Wir greifen in keiner Weise in die Therapiehoheit der Ärzte ein“, sagt Barmer-Sprecherin Susanne Rüsberg-Uhrig. Viele hätten aber gute Erfahrungen mit Avastin gemacht und wollten ihre Patienten damit weiterbehandeln. Der Versuch von Novartis, dies per einstweiliger Verfügung zu untersagen, scheiterte im August beim Sozialgericht Düsseldorf. Eine inhaltliche Entscheidung steht noch aus.

Rückendeckung erhalten die Kassen von Arzneimittelexperten. Bei Lucentis handle es sich ganz klar um eine „Scheininnovation“, sagt der Bremer Gesundheitsökonom Gerd Glaeske. Im Vergleich zu Avastin sei lediglich ein bereits bestehendes Molekül abgewandelt worden. Die Preisdifferenz sei keinesfalls gerechtfertigt. Offenbar habe Novartis bei seiner „asozialen Preisfindung“ den Druck der Patienten „ganz bewusst einkalkuliert“. Ebenso wie die Tatsache, dass es kein Konkurrenzprodukt geben würde. Die Frage, warum Roche für sein heiß begehrtes Medikament nun nicht auch eine AMD-Zulassung betreibt, ist nämlich schnell beantwortet. Der Schweizer Konzern ist durch Beteiligungen mit Novartis verbandelt – und da habe man natürlich, wie Glaeske sagt, „kein Interesse an Kannibalismus“.

Avastin sei für die Kassen „verlockend günstig“, gibt eine Novartis-Sprecherin zu. Der Kostenvergleich sei aber unfair. Schließlich besitze die vermeintliche Alternative keine Zulassung als Augen-Medikament, es gebe keinerlei Aussagen zu dessen Nebenwirkungen. Dank Lucentis sei man nicht mehr darauf angewiesen, den Patienten ein Mittel gegen Darmkrebs in den Augapfel zu spritzen, das man in 250facher Dosis „aus Infusionsflaschen herausgezogen hat“. Wegen des damit verbundenen Risikos lasse jeder Augenarzt seine Patienten ja auch eine Einwilligungserklärung unterschreiben.

Tatsächlich sind auch Augenärzte verunsichert. Nach Erfahrung des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands schwanken sie nicht nur zwischen dem alten billigen und dem neuen teuren Mittel, sondern raten auch zum Abwarten. Bei AMD jedoch zähle jeder Tag. „Während hier lautstark gestritten wird, erblinden in den Kulissen des Konflikts still und leise die Betroffenen“, warnt Verbandspräsidentin Renate Reymann.

Auch Novartis wirft sich in die Pose des Patientenanwalts. Der Streit werde „auf dem Rücken der Kranken ausgetragen“, sagt eine Sprecherin. Manche Kassen ließen sie wochenlang auf die Bewilligung des einzig zugelassenen Mittels warten. Dabei habe man den gesetzlichen Versicherern ein „einzigartiges“ und auch noch verhandelbares Angebot gemacht: Für 315 Millionen Euro erhielten sie ihren gesamten Jahresbedarf an Lucentis. Die Kassen hätten nur die Kosten für 25 000 Patienten zu tragen, den Rest übernehme Novartis. Von den knapp 500 000 AMD- Patienten sind zwar viele nicht mehr therapierbar, doch allein die Zahl der Neuerkrankungen pro Jahr liegt bei 50 000.

Bislang zeigen sich die Kassen allerdings abweisend. Sie setzen auf das günstigere Mittel. Und wollen dessen Zulassung nun selbst betreiben. „Dafür werden wir alle rechtlichen Mittel ausschöpfen“, sagt die Sprecherin der Barmer.

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