Wirtschaft : Pharmaindustrie sieht Ärzte-Freiheit bedroht

FRANKFURT (MAIN) .Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) hat den Arzneimittel-Richtlinienentwurf des Bundesausschusses Ärzte/Krankenkassen kritisiert.Die Patienten müßten erhebliche Leistungseinschränkungen und die deutsche Pharmaindustrie starke wirtschaftliche Einbußen hinnehmen, wenn der Entwurf umgesetzt werde, kritisierte BPI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Weng am Donnerstag in Frankfurt."Der Schaden, der entstünde, wäre nicht mehr gut zu machen." Die Richtlinien schreiben den Ärzten vor, welche Medikamente sie einem Patienten zu Lasten der erstattenden Krankenkassen verordnen dürfen.

Nach dem Willen des Ausschusses sollten beispielsweise Medikamente bei Sport-Verletzungen oder Abführmittel für Krebspatienten mit Verstopfung nicht mehr erstattet werden, sagte Weng.Pflanzliche Klimakteriumspräparate, Magnesium-Tabletten für Zuckerkranke und Psychostimulantien würden ebenfalls nicht mehr bezahlt."Den Versicherten ist noch nicht recht klargeworden, wie stark sie von einem solchen Eingriff betroffen wären." Der Ausschuß, in dem die Versicherten nicht vertreten seien, beschneide die Therapiefreiheit der Ärzte und die Rechte von 90 Prozent der Bevölkerung, kritisierte Weng."Damit überschreitet der Ausschuß seine Kompetenzen bei weitem." Weng kritisierte auch die Vorentscheidung des Gremiums zum Potenzmittel Viagra.Es sei bedenklich, daß dieses "innovative Medikament" nicht erstattet werden solle, obwohl es eine klar umrissene Gruppe von Patienten gebe, denen es unstrittig helfe.Der Ausschuß fällt das Votum zu Viagra voraussichtlich Anfang August.

Der Ausschuß solle auf neue Arzneimittel-Richtlinien verzichten, bis das Bundesverfassungsgericht eine Entscheidung getroffen habe, verlangte der BPI-Geschäftsführer.In Karlsruhe sei seit 1994 ein Verfahren anhängig, mit dem geprüft werden solle, ob es sich bei diesen Richtlinien - wie vom BPI angenommen - um einen "grundrechtswidrigen Kompetenzmißbrauch" handele."1997 war das Jahr, in dem die deutsche Pharma-Industrie die Dominanz auf ihrem Heimatmarkt verloren hat", bedauerte Weng.Nur noch 48,9 Prozent der verkauften Medikamente stammten von deutschen Firmen oder ihren Töchtern im Ausland.Weng warf der Politik und den Krankenkassen vor, sie hätten bestimmte Arzneimittel diskreditiert und damit zu dieser Entwicklung beigetragen.

Die Einführung neuer Medikamente und der Verkauf größerer Packungen ließen den Umsatz der Apotheken im ersten Halbjahr 1998 um 1,2 Prozent auf fast 13,3 Mrd.DM steigen.Die Preise für erstattungsfähige Arzneimittel gingen laut BPI um 0,5 Prozent zurück, die Menge der verkauften Packungen um 4,5 Prozent.Das boomende Exportgeschäft kurbelte die Produktion im 1.Quartal um 9,2 Prozent auf fast neun Mrd.DM an.

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