Pharmazeut Hagemann : "Das Image hat nicht gelitten"

Ulrich Hagemann.
Ulrich Hagemann.Foto: promo

Herr Hagemann, wie gefährlich sind Pillen mit dem Wirkstoff Drospirenon?

Alle Pillen, die wir zur Verhütung zugelassen haben, erhöhen das Risiko für das Auftreten von Thrombosen. Seit den 60er Jahren wurden die Östrogenmenge bei den Pillen der zweiten und dritten Generation erheblich gesenkt und neue Gestagene entwickelt. Statistisch gesehen bekommen fünf bis zehn von 100 000 Frauen, die keine Pille nehmen, pro Jahr eine Thrombose. Nehmen sie Pillen der zweiten Generation, sind es 20, bei der dritten Generation sind es schon 30 bis 40. 2000 brachte Bayer Pillen wie Yasmin mit Drospirenon auf den Markt. Sie sollten idealerweise das gleiche Risiko wie die Pillen der zweiten Generation aufweisen. Wie zwei neue Studien zeigen, liegt es aber zwischen dem der zweiten und dritten Generation.

Bayer weist auf die erheblichen Mängel der beiden belastenden Studien hin.

Die Studien haben Mängel, aber sie sind nicht erheblich. Wir haben aus den Studienergebnissen den Schluss gezogen, dass die Änderung der Packungsbeilage der Yasmin-Familie notwendig ist. Bayer musste das akzeptieren.

Mit dem Versprechen einer reinen Haut etwa versuchen Konzerne, die Pille als Lifestyle-Produkt zu vermarkten.

Wir sehen das kritisch. Die Firmen werben mit den Nebeneffekten, und teilweise ist das grenzwertig falsch. Reinere Haut, besserer Teint, geringere oder keine Gewichtszunahme sind zwar zum Beispiel bei Pillen der Yasmin-Familie beobachtet worden, aber die Effekte sind so gering, dass sie kein Argument für die Verordnung dieser Pillen sind. Mit der Pille geht eine Akne nicht plötzlich weg.

Muss man diese Vermarktung verbieten?

Die Ärzte haben bei der Verordnung eine hohe Verantwortung. Um irreführende Arzneimittelwerbung müssten sich die Landesgesundheitsbehörden kümmern.

Warum bringen die Konzerne ständig neue Wirkstoffe auf den Markt?

Nicht wegen der schöneren Haut oder der geringeren Gewichtszunahme, schließlich sind die Entwicklungskosten hoch. Es geht letztlich um Anteile auf dem Teilmarkt der Verhütungsmittel, der in Deutschland groß ist und groß bleiben wird. Es ist nicht abzusehen, dass eine völlig andere Verhütungsmethode demnächst die Pille ablösen könnte.

Hat unter dem Bayer-Skandal das Image der Pille gelitten?

Das glaube ich nicht. Die Akzeptanz der Pille bei Frauen im gebärfähigen Alter ist trotz der bekannten Risiken hoch.

Was kann getan werden, damit es weniger Todesfälle gibt?

Die Aufklärung der Frauen, die mit der Pille verhüten wollen, muss – besonders durch die Ärzte – verbessert werden.

Ulrich Hagemann, Pharmazeut und Biochemiker, überwacht als Abteilungsleiter im Bundesinstitut für Arzneimittel die Sicherheit von Medikamenten. Mit ihm sprach Jahel Mielke.

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