Wirtschaft : Phenomedia: Moorhuhn-Erfinder stürzt ab

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Am Neuen Markt häufen sich die Fälle von Bilanzkosmetik und Anlegertäuschung. Am Dienstag teilte der Erfinder des Moorhuhn-Computerspiels, die Phenomedia AG, überraschend mit, es gebe "Anhaltspunkte dafür, dass der Quartalsbericht der Gesellschaft zum 30. September 2001 sowie der Entwurf des Jahresabschlusses zum 31. Dezember 2001 unrichtig sind". Die Vorstände Markus Scheer und Björn Denhard wurden mit sofortiger Wirkung entlassen. Eine Sonderprüfung soll nun alle Bilanzen unter die Lupe nehmen. Die am Neuen Markt notierte Aktie brach um 60 Prozent auf 0,95 Euro ein.

Bereits in den vergangenen Wochen war das Papier stark gefallen und hatte binnen zwei Monaten mehr als 90 Prozent seines Wertes eingebüßt. Auch am Montag hatte der Kurs um fast 40 Prozent nachgegeben. Das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel geht deshalb dem Verdacht nach, dass Insider von der bevorstehenden Ad-hoc-Meldung wussten und ihre Aktien rechtzeitig verkauft haben. Sollte sich der Verdacht erhärten, werde der Staatsanwalt eingeschaltet, teilte eine Sprecherin mit.

Unter Druck geraten könnte auch erneut die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, die die Bilanzen der Phenomedia AG geprüft hat. KPMG war auch Prüfer des Telematikanbieters Comroad, der unlängst Scheingeschäfte und Bilanzfälschungen eingeräumt hatte. KPMG teilte indes am Dienstag mit, man habe bei Phenomedia für den Jahresabschluss 2001 keinen Bestätigungsvermerk erteilt, da das Unternehmen trotz mehrfacher Aufforderung noch offene Nachweise für angeblich ausstehende Forderungen bis heute nicht vorgelegt habe. An der Erstellung oder Überprüfung der Quartalsabschlüsse zum 30. Juni 2001 und 30. September 2001 sei KPMG nicht beteiligt gewesen.

Die Wirtschaftsprüfer teilten am Dienstag weiter mit, im Fall Comroad werde eine "Task Force" bei einer erneuten Vor-Ort-Untersuchung in Asien aufzuklären versuchen, ob Comroad tatsächlich Umsätze mit nicht-existierenden Partnern vorgetäuscht habe. Sollte dies der Fall sein, würden entsprechende Testate unverzüglich widerrufen.

Über die Folgen der angekündigten Sonderprüfung bei Phenomedia herrscht noch Unklarheit. Beobachter schlossen nicht aus, dass das Unternehmen Insolvenz anmelden muss. Offenbar sind die Forderungen bedrohlich gewachsen. Sie werden in den vorläufigen Zahlen für 2001 mit 22,55 Millionen Euro ausgewiesen.

Analysten reagierten entsetzt auf die Phenomedia-Meldung. Viele Banken hatten die Aktie bis zuletzt zum Kauf empfohlen. So bekräftigte die Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein noch am 28. März ihr Kursziel von 12 Euro. Am Tag zuvor hatte Phenomedia für das zurückliegende Geschäftsjahr eine Umsatzsteigerung von 58 Prozent auf 25,8 Millionen Euro bekannt gegeben. Das Ergebnis vor Steuern sei mit 1,6 Millionen Euro (Vorjahr: 6,2 Mio Euro) hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

Bodo Orlowski, Analyst bei der Berliner Volksbank, der Ende 2001 den Kurs binnen zwölf Monaten bei 16 Euro gesehen hatte, zeigte sich überrascht: "Ich frage mich, was man am Neuen Markt überhaupt noch glauben darf", sagte er. Gegen gefälschte Bilanzen seien aber auch die Banken machtlos. Christoph Schlienkamp vom Bankhaus Lampe nannte die Vorgänge "schrecklich". "Der Neue Markt ist um einen Skandal reicher."

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