Wirtschaft : Piëch-Biografie: Jürgen Grässlin schreibt über den VW-Chef und die Affäre Lopez

Christian Böhme

Jürgen Grässlin macht sich Sorgen. Um die Demokratie, den Standort Deutschland und die Unternehmenskultur. Deshalb schreibt der Freiburger Bücher, vorwiegend über große Konzerne aus der Rüstungs- und Automobilindustrie. Sein neues Werk, das der Autor am Donnerstag in Berlin vorstellte, ist eine kritische Biografie über den "Automanager des Jahrhunderts": Ferdinand Piëch, Vorstandsvorsitzender von VW.

Die Licht- und Schattenseiten habe er beschrieben. Von Licht ist aber in dem Buch, erschienen im Droemer Verlag (400 Seiten, 44,90 DM), weniger die Rede. Klar, es gibt aus Sicht von Grässlin sehr wohl auch Positives über Piëch zu berichten: Ein "geschickter Manager" sei der Enkel von Ferdinand Porsche, ein guter Ingenieur, ein konsequenter Sanierer. Damit hat es sich dann aber auch mit dem Lob.

Grässlin geht mit Piëch hart ins Gericht. Der Mann verbreite Angst, dulde keinen Widerspruch, und wenn es um seine eigene Karriere gehe, kenne er kein Pardon. Auch eine Mitarbeit an dem Buch habe die Führung des Wolfburger Unternehmens, nach zunächst positiven Signalen, abgelehnt. Das Projekt sei "nicht im betrieblichen Interesse", zitiert Grässlin aus Schreiben an ihn. Das Verhältnis hat sich seitdem verschlechtert. Auf Anfrage des Tagesspiegels sagte der Leiter der VW-Unternehmenskommunikation, Klaus Kocks: Grässlins Werk sei von "durchgehender Niedertracht" gekennzeichnet. Piëch werde das Buch auf keinen Fall lesen. Es enthalte überhaupt nichts Neues. "Man merkt die Absicht und ist verstimmt."

Aus Sicht von Volkswagen kann man die Verstimmung nachvollziehen. Denn sehr ausführlich widmet sich Grässlin der "Affäre Ignacio Lopez". Mit dem Namen des einstigen Managers von General Motors, der vor einigen Jahren unter spektakulären Bedingungen zum Konkurrenten VW wechselte, ist der bisher größte, nie ganz aufgeklärte Fall deutsch-amerikanischer Wirtschaftsspionage verbunden. Grässlin behauptet, er habe klare Hinweise darauf, dass der Baske "kistenweise" Geheimmaterial nach Wolfsburg mitgebracht und im VW-Gästehaus Rothehof kopiert habe. Piëch könne also nicht mehr behaupten, dass es "durch Lopez keinen finanziellen Vorteil gab".

Doch nicht nur Piëchs Rolle in der Lopez-Affäre treibt Grässlin um. Der 43-Jährige sieht die Demokratie bedroht. "Der Primat der Politik wird durch das Diktat der Wirtschaft gänzlich infrage gestellt." Die EU-Altautoverordnung sei ein Beispiel. In diesem Fall habe sich Bundeskanzler Schröder von seinem "Freund" Piëch "instrumentalisieren lassen". Unzulässige Einflussnahme oder legitimes Vertreten eigener Interessen? Eine Frage der Sichtweise.

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