Pierer-Autobiographie : Keine Einsicht, nirgends

Rechtfertigung und Rechthaberei: Der einstige „Mr. Siemens“ will sich offenbar mit seiner Autobiographie rehabilitieren. Einsicht oder gar ein Schuldeingeständnis sucht man in einem Vorabdruck vergebens.

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Berlin - Bisher hat es nur einen Siemens-Chef gegeben, der sich bedeutend genug fand, um eine Autobiografie vorzulegen: Werner von Siemens, der das Unternehmen 1847 in Berlin gegründet hatte, veröffentlichte 1892 seine „Lebenserinnerungen“. Am heutigen Montag schickt sich Heinrich von Pierer an, in diese Fußstapfen zu treten: der Mann, der an der Spitze stand, als eine Korruptionsaffäre den Konzern in die tiefste Krise riss. Mit seinem Buch „Gipfel-Stürme“ schildert Pierer seine Sicht der Dinge.

Doch wie ein Vorabdruck zeigt, liefert das Buch nicht mal einen Hauch von Selbstkritik und erst recht keine Innensicht des korrupten Systems, dessen Aufarbeitung Siemens Milliarden kostete. „Schon in meiner Eröffnungsrede als Versammlungsleiter kam ich nach dem formalen Teil unverzüglich auf das Thema Compliance zu sprechen und wies darauf hin, dass mich die Vorgänge auch ganz persönlich enttäuscht hätten“, schreibt Pierer etwa über die Hauptversammlung im Januar 2007, als die Affäre schon weitgehend aufgedeckt war. Da rechtfertigt sich jemand, da will jemand bis zuletzt Recht haben. Es sollte damals noch drei Monate dauern, bis der Druck auf ihn so groß wurde, dass er zurücktrat.

Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank und seit acht Jahren Siemens-Aufsichtsrat, hatte schon damals erkennen lassen, dass er Pierers Sicht auf die Affäre nicht teilt. „Wenn in der Deutschen Bank systematisch solche Dinge aufbrechen würden, würde ich morgen zurücktreten“, sagte er. „Denn entweder war ich Teil davon, dann gehöre ich sowieso weg, oder ich habe es nicht gewusst, dann habe ich nicht geführt.“

Korrupt oder führungsschwach? Dieser Frage nähert sich Pierer nicht einmal. Stattdessen geht es um sein Leben mit den Mächtigsten, seinen Auftritt vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, den Transrapid in China. „Dass er lieber darüber spricht, ist klar. Aber es ist eben nicht alles“, sagt ein Wegbegleiter. „Das Buch beschreibt die Welt, wie er sie sich zurechtlegt.“ Zwar behaupte niemand, dass Pierer alles falsch gemacht habe, aber die Affäre werfe einen üblen Schatten.

Der einstige „Mr. Siemens“ ist von einer Rehabilitation weit entfernt. Der Konzern lädt ihn zu keiner offiziellen Veranstaltung ein. Das letzte Mal durfte er dabei sein, als vor drei Jahren der langjährige Berliner Statthalter Gerd von Brandenstein in den Ruhestand ging – aber nur, weil der es ausdrücklich wünschte. Pierer hat zwar einen Bußgeldbescheid über 250 000 Euro akzeptiert, doch von seiner damit juristisch anerkannten Mitschuld will er trotzdem nichts wissen. Er habe die Sache aus der Welt haben wollen, sonst nichts: „Meine Familie ermunterte mich, nach dem Schlussstrich mit Siemens auch hier den Schlussstrich zu ziehen, um zu einem normalen, selbstbestimmten Leben zurückzufinden.“

Brisant ist das nicht. Die „Welt am Sonntag“, die sich einen Auszug als Vorabdruck gesichert hat, pries ihn trotzdem als Abrechnung. Dabei hatte Pierer dem Tagesspiegel ein paar Tage vorher gesagt, dass ihm daran gar nicht liege. „Ich will keine Abrechnung“, unterstrich er ausdrücklich. Die Verkaufschancen dürfte das nicht erhöhen. Die Autobiografie Werner von Siemens’ wurde übrigens ein Bestseller – und ist bis heute im Buchhandel erhältlich. Moritz Döbler

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