Wirtschaft : Pieter Siemsen

Geb. 1914

Jochen Schmidt

Einem Mädchen erzählte er vom Sozialismus, bis sie fragte: „Und was ist mit mir?“ Die Flugtickets der Geburtstagsgäste aus Argentinien waren schon gebucht: Am 17.Juni, einem deutschen Datum, hätte Pieter Siemsen seinen 90. gefeiert. Man kam dann zur Beerdigung. Am 1. Mai war er gestorben – ausgerechnet. „Echt Pieter“ meinten die Gäste.

Mit Lilly, seiner letzten Frau, lebte er in Baumschulenweg in einem sachlichen Bruno-Taut-Bau, nicht weit vom ehemaligen Mauerstreifen. Auf dem Tisch liegen noch eine Lupe und eine mit Gummi zusammengehaltene Fernbedienung, die Ausrüstung eines alten Mannes. Die Wände schmücken Bilder von Malerfreunden aus dem Exil, eine Marx-Engels-Gesamtausgabe steht da und eine des kubanischen Revolutionärs José Martí.

Die Weimarer Zeit hat ihn geprägt, die Kunst, vor allem aber die Politik. Sein Onkel schrieb für die Weltbühne, die ganze Familie war sozialistisch eingestellt. Vater August und Tante Anna, eine bekannte Reformpädagogin, saßen für die SPD im Reichstag. Dort kündigte der Nazi Wilhelm Frick dem Vater schon 1932 an: „Du Lump hängst zuerst!“

Ein bisschen „überzüchtet“ waren die Siemsens, wie Lilly meint, lauter wichtige Linke. Ihr Mann selbst sah sich sein Leben lang als Vagabund, wenn auch einer mit fester Gesinnung. Er engagierte sich in sozialistischen Jugendverbänden. Bei einem Jugendtreffen in London ging er mit einem Mädchen durch den Park spazieren und erzählte ihr vom Sozialismus, bis sie ihn traurig fragte: „Und was ist mit mir?“

1933 emigrierten die Eltern nach Argentinien. Pieter ging in die Schweiz. „Hauen sie nur ordentlich zu“, sagte ihm da ein Bauer beim Holzhacken, „denken sie, es sei der Hitler.“ Wegen „Belastung des Schweizer Arbeitsmarktes“ wurde er wieder nach Deutschland ausgewiesen und musste zu Arbeitsdienst und Militär. Schon wer dort las, machte sich verdächtig, selbst wenn es der Völkische Beobachter war. Schließlich gelang es ihm, nach Argentinien zu emigrieren. Seine jüdische Freundin musste er zurücklassen.

In Buenos Aires arbeitete er als Setzer. Natürlich engagierte er sich sofort politisch und erfuhr, dass die Linke auch im Exil zersplittert war. Ein Trotzkist zeigte sich einmal höchst unzufrieden, als Pieter ihm im Streit Recht gab.

Wie konnte man gegen Hitler kämpfen? Von Montevideo aus schickten sie ein Grußschreiben an die sowjetischen Kämpfer von Stalingrad. Pieter spielte in einer Kabarettgruppe und stellte den irren Diktator dar. Wenig später kamen neue Emigranten nach Südamerika, diesmal alte Nazis. Verfolgte und Verfolger waren plötzlich Nachbarn.

Nach 15 Jahren verließ Pieter Argentinien, um in der Heimat am großen Traum einer gerechten Gesellschaft mitzuarbeiten. Aber Deutschland blieb eine Enttäuschung. Im Westen wurde am Stammtisch diskutiert, „warum wir den Krieg verloren haben“, und die Behörden im Osten waren borniert, die Einbürgerung in die DDR blieb ihm lange verwehrt. Überhaupt hielten ihn alle für verrückt, „in die Zone“ zu gehen. Er lernte eine Frau aus Ost-Berlin kennen, die ihr Geld im Westen mit „Schönheitstänzen“ verdiente. „Woll’nse mich verscheißern?“, fragte sie, als sie erfuhr, dass er in den Osten wollte. Als ihr sein sozialistisches Gequassel „uff’n Keks“ ging, schmiss sie ihn raus.

Sein Vater war inzwischen tief enttäuscht von der DDR, vor allem weil sein Buch „Preußen – die Gefahr Europas“ nicht erscheinen konnte. Er hatte darin auch die Politik der KPD kritisiert. Als August Siemsen starb, fand Pieter auf seinem Schreibtisch einen Zettel: „Ich bin müde, ich mag nicht mehr.“

Pieter blieb in der DDR: „Wer zu großen Zielen unterwegs ist, darf sich an kleinen Dingen nicht stoßen.“ Was blieb dem Sozialisten übrig? Man konnte immerhin anständig bleiben und auf die Menschen zugehen. „Der Herr Siemsen ist zwar in der Partei, aber er ist ein anständiger Mensch“, hieß es.

Südamerika blieb seine Liebe, die Menschen dort hatten ihn für die Deutschen verdorben. Auf einer Dienstreise kam er nach Kuba, kurz nach der Revolution. Nicht die Landsleute, die ihn mit den Worten begrüßten: „Kumpel, ich sage dir, ganz Havanna ist ein einziger Puff“, sondern die Jungs vom „Verband Revolutionärer Schuhputzer“ haben es ihm angetan. Als er sich bei den Prostituierten herausredete, mit der Begründung, nur zur Arbeit hier zu sein, klagten sie: „So geht das nicht weiter. Wir müssen mit Fidel sprechen, damit die Leute nicht so viel arbeiten, dass sie dann keine Zeit mehr für uns haben.“

Der Generalvertreter von Nestlé in Mexiko konnte nicht verstehen, warum ein so vernünftiger Mensch wie Pieter in der DDR blieb. „Wegen der kommenden Freiheit“, sagte Pieter. Darauf der Nestlé-Mann: „Freiheit? Die haben wir hier schon: keine Gewerkschaften.“

Sein Leben hatte er der Politik gewidmet, aber er fiel auch aus der Zeit. Irgendwann in den Achtzigern sollte er einmal vor Schülern reden. Keiner stellte eine Frage, alle warteten aufs Klingelzeichen. Durch die tägliche Phrasenbeschallung hatten die Jugendlichen jedes Interesse am Politischen verloren. Eine schwere Enttäuschung für Pieter, er sagte sich: Nie wieder vor Schülern.

Ganz am Schluss seines Erinnerungsbuches „Der Lebensanfänger“ schrieb Pieter Siemsen ein trauriges Resümee seines Lebenskampfes. Wäre er 1932 eingeschlafen und 2000 wieder aufgewacht, es hätte sich nichts geändert. Immer noch lebten Wirtschaftsimperien „auf Kosten von einem austauschbaren Heer von Arbeitssklaven“. Aber immerhin fährt die S-Bahn von Baumschulenweg wieder nach Neukölln, wo Pieter in die Karl-Marx-Schule gegangen ist. Wenn man nicht aufpasst, steigt man in den falschen Zug.

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