Wirtschaft : Pilotenstreiks: Entwarnung für Flugreisende an Ostern

mo

Die Lufthansa-Kundschaft kann aufatmen. Im Tarifstreit zwischen der Pilotenvereinigung Cockpit (VC) und der Frankfurter Airline bemühen sich beide Seiten um eine Lösung. Zumindest während der Osterfeiertage werde man Warnstreiks "so gut wie möglich" vermeiden, sagte Hans Christoph Thumm von der Tarifkommission. "Wir streiten mit dem Lufthansa-Vorstand und nicht mit unseren Kunden." Gleichwohl begann am Montag die bis zum 3. Mai angesetzte Urabstimmung über einen regulären Streik. Die Piloten verlangen Gehaltssteigerungen von rund 30 Prozent, bisher bot Lufthansa nur Tariferhöhungen zwischen zehn Prozent und 16,7 Prozent an. Die Cockpit-Besatzungen begründen ihre Forderungen damit, dass ihre Bezüge unter denen der Konkurrenz lägen. Außerdem hätten sie, als die Lufthansa vor zehn Jahren in der Krise steckte, zur Sanierung Abstriche bei den Vergütungen hingenommen. Lufthansa-Verhandlungsführer Stefan Lauer bemüht sich derweil um Deeskalation. In einem Schreiben an die Piloten zeigt sich das Unternehmen verhandlungsbereit. Eine weitsichtige Haltung - denn der Luftverkehr boomt, doch der Airline fehlen Piloten. Fünf Flieger sind darum bereits aus dem Sommerflugplan genommen worden. "Wir leben von der Hand in den Mund," sagt Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty. Über 100 Kapitäne und Piloten legen bei der Airline altersbedingt Jahr für Jahr den Steuerknüppel aus der Hand. Mindestens 340 neue Mitarbeiter im Cockpit braucht Lufthansa allein dieses Jahr. Gerade einmal so viele bildet das Unternehmen in seiner Fliegerschule in Bremen aus.

Für den Job im Lufthansa-Cockpit interessieren sich angeblich jährlich rund 18 000 Abiturienten im Lande. 3500 Bewerbungen sollen in Bremen Jahr für Jahr eingehen. Und doch wird es offenbar schwieriger, gute Leute zu finden. Die Fluggesellschaft spürt die Folgen der geburtenschwachen Jahrgänge. Vor allem aber hat der Traumberuf Pilot Konkurrenz bekommen. Zum Beispiel die IT-Branche. Die lockt bisweilen - bei weniger Stress und geregelten Arbeitszeiten - mit konkurrenzlosen Anfangsgehältern. Für viele junge Leute ein entscheidendes Kriterium. Rund 6400 Mark Einstiegsgehalt als Jungpilot - Zulagen und Zuschläge nicht eingerechnet - reichen manchem nicht. Auch deshalb, weil die zweijährige Ausbildung zum Berufspiloten kräftig kostet. Für die Ausbildung im Cockpit müssen Azubis immerhin zwischen 100 000 Mark und 200 000 Mark auf den Tisch legen.

Bei der Kranich-Airline, sagt Renate Hocke von der Verkehrsfliegerschule der Lufthansa in Bremen, liegen die Kosten sogar deutlich jenseits von 200 000 Mark. Dafür sind diejenigen, die bei der Bremer "Lufthansa Flight Training GmbH" als Schüler anheuern können, aber auch finanziell besser gestellt. Der Eigenbeitrag für die Pilotenausbildung beträgt für die Lufthansa-Schüler nämlich nur noch 80 000 Mark. Den Rest übernimmt das Unternehmen. Außerdem bietet die Luftfahrtgesellschaft ihren Piloten-Anwärtern eine entsprechende Vorfinanzierung an - zins- und tilgungsfrei. Das war nicht immer so. Anstatt die Ausbildung für den Nachwuchs finanziell attraktiver zu gestalten, wurde Anfang der neunziger Jahre, als sich Lufthansa als Sanierungsfall entpuppte, der Versuch gestartet, aus der Bremer Fliegerschule ein Profitcenter zu machen. "Das ging gründlich schief", urteilt Georg Fongern, Sprecher der Vereinigung Cockpit. Noch 1998 lag der Eigenbetrag, den die jungen Pilotenanwärter zu berappen hatten, bei 120 000 Mark. Darlehensgeber war die Bank und nicht die Lufthansa. Erst allmählich verbesserten sich die Finanzierungs-Modalitäten. "Nachdem bekannt wurde, dass es in einzelnen Fällen Copiloten bei Lufthansa gab, die nebenher als Taxifahrer arbeiteten", sagt Günter Henze, Flugkapitän und seit 25 Jahren Lufthansa-Pilot. Heute gelten die Lufthansa-Konditionen in der Branche als fair. Vor allem haben die Bremer Absolventen heutzutage in aller Regel einen festen Lufthansa-Job in der Tasche. Nur: 90 Prozent der Bewerber schaffen den Eignungstest der Bremer nicht. Und: auch Quereinsteiger brauchen den Test. Diese Situation erklärt den offenkundigen Widerspruch, dass es trotz Mangel an Cockpit-Personal hier zu Lande auch Piloten ohne Job gibt. Selbst in der Region Berlin-Brandenburg sind zurzeit 52 Flugzeugführer und Copiloten arbeitslos, wie Klaus Pohl vom Landesarbeitsamt Berlin-Brandenburg bestätigt. Und längst nicht alle gehören zum alten Eisen. Der Pilotenschein, den 9000 Personen bundesweit besitzten, allein reicht nicht. Das Angebot übersteigt die Nachfrage. Die Airlines können wählen. Und: Jedes Jahr, so schreibt es das Luftfahrt-Bundesamt vor, müssen die Nachwuchsflieger Praxis und Gesundheitstauglichkeit aufs Neue nachweisen. Da bleibt mancher auf der Strecke.

0 Kommentare

Neuester Kommentar