Pilotprojekt im deutschen Onlinehandel : Amazon will Berliner innerhalb von zwei Stunden beliefern

Binnen zwei Stunden Ware ins Haus: Der Versandhändler testet bald Eil-Zustellungen in der Hauptstadt. Das setzt den Einzelhandel weiter unter Druck.

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Innerhalb von zwei Stunden will Amazon künftig Kunden in Berlin beliefern (unser Bild zeigt das Logistikzentrum in Leipzig).
Innerhalb von zwei Stunden will Amazon künftig Kunden in Berlin beliefern (unser Bild zeigt das Logistikzentrum in Leipzig).Foto: imago/Robert Michael

Noch gibt es wenig zu sehen in den leer stehenden Räumen des früheren Elektronikmarkts im Ku’damm-Karree am Kurfürstendamm, die Fensterscheiben sind abgeklebt, dahinter bereitet Amazon geschützt vor neugierigen Blicken seinen neuesten Coup vor: Innerhalb von zwei Stunden will der weltweit größte Online-Versandhändler künftig Berliner Kunden mit ausgewählten Waren beliefern, rund 20.000 Artikel sollen dafür in den zweistöckigen Räumen gelagert werden. Im Mai soll das neue Projekt starten, das nicht nur den Berliner Einzelhandel weiter unter Druck setzen dürfte.

Offiziell will Amazon die Pläne nicht kommentieren, doch das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf bestätigt, dem US-Unternehmen eine „temporäre Nutzung“ der Räume genehmigt zu haben. Berlin wäre der erste deutsche Standort, an dem Amazon einen solchen Eil-Dienst anbietet. Seit Sommer 2015 gibt es den Zwei-Stunden-Service bereits in einigen britischen Städten wie London und Liverpool, seit November in Mailand. In New Yorks Stadtteil Manhattan werden Kunden bereits seit 2014 sogar innerhalb einer Stunde beliefert mit Dingen des täglichen Bedarfs wie Shampoo, Batterien, Toilettenpapier, aber auch mit Elektronik, Büchern und Spielzeug.

Kunden könnten Express-Lieferungen bald von mehr Händlern erwarten

Das Angebot richtet sich an sogenannte „Prime Now“-Kunden, die eine extra Jahrespauschale zahlen. Die Zustellung soll an sechs Tagen die Woche erfolgen, vor allem über lokale Kurierdienste, die mit selbstständigen Fahrern zusammenarbeiten und damit flexibel auf die Nachfrage reagieren können.

„Das Angebot könnte den Markt revolutionieren“, sagt Martin Barz vom Berliner Kurierdienst Twister. Es könne bei Kunden generell das Bedürfnis und die Erwartung schaffen, Waren sehr schnell zu bekommen. „Was im Büro jetzt schon Alltag ist, dass beispielsweise ein Dokument in einer Stunde abgeholt und geliefert wird, könnte auch für Privatkunden Alltag werden.“ Davon würden nicht nur Online-Händler, sondern ebenso traditionelle Läden in der Hauptstadt profitieren.

Auch Zalando drückt aufs Tempo

Auch andere Unternehmen in Deutschland experimentieren mit der „Same Day Delivery“, der Zustellung am Bestelltag. So wie der Online-Händler Zalando. Kunden können das Angebot zwar noch nicht fest buchen, doch falls eine Schnell-Lieferung möglich ist, bekommen Kunden in ausgewählten Städten wie Berlin, Köln und Wien eine Nachricht und die Ware als Überraschung am gleichen Tag zugestellt, sagt Sprecherin Sandra Petersen. Seit voriger Woche läuft in Berlin ein weiteres Pilotprojekt, Kunden können Retouren bei Rückgabewunsch noch am selben Tag vom Kurier abholen lassen.

Deutsche Post reagiert gelassen

Klassische Paketdienste wie Deutsche Post/DHL, DPD, Hermes, GLS oder UPS profitieren enorm vom wachsenden Online-Handel, doch wollen sie mit dem immer schnelleren Geschäft mithalten, müssen sie flexibler werden. Denn Online-Händler wie Amazon bauen sich mithilfe der Kurierdienste eine eigene Lieferkette auf, ohne ein eigenes Zustellunternehmen gründen zu müssen.

Die Deutsche Post/DHL, die bisher die meisten Sendungen für Amazon ausfährt, geht allerdings von einer eher geringen Nachfrage nach dem Eil-Service aus. Eigene Erfahrungen mit dem ähnlichen Angebot ,DHL Kurier Direkt’ hätten gezeigt, dass angesichts der breiten Präsenz und guten Erreichbarkeit des Einzelhandels in deutschen Städten das Potenzial für die Zustellung in ein oder zwei Stunden begrenzt sei, so eine Sprecherin. Die Post rechne damit, dass „Amazon ein wichtiger Kunde von uns bleiben wird“.

In diesem Teil des Berliner Ku'damm-Karrees an der Uhlandstraße gibt es ein Parkhaus und die künftige Zufahrt zum Amazon-Lager.
In diesem Teil des Berliner Ku'damm-Karrees an der Uhlandstraße gibt es ein Parkhaus und die künftige Zufahrt zum Amazon-Lager.Foto: Cay Dobberke

Die Industrie- und Handelskammer Berlin lobt Amazons Pläne als „begrüßenswert“ und „Auszeichnung für den Wirtschaftsstandort Berlin“. „Problematisch“ für den Straßenverkehr in der westlichen Innenstadt findet der zuständige Bezirksstadtrat Marc Schulte (SPD) die vielen zusätzlichen Ab- und Anfahrten. Die Lieferzufahrt liegt in der Uhlandstraße nahe der verkehrsreichen Lietzenburger Straße.

Ein Zehntel des Berliner Einzelhandelsumsatzes wird online gemacht

Nach Auskunft des Handelsverbands Berlin-Brandenburg haben Internet-Versanddienste einen Anteil von zehn bis elf Prozent am Einzelhandelsumsatz in der Stadt erreicht. Bestellt würden vor allem Kleidung, Elektronik, Spielwaren und Bücher, sagt Hauptgeschäftsführer Nils Busch-Petersen. Der Eil-Versand sei „der Zug der Zeit“, andererseits aber gar nicht mal so neu: „In den 1920er Jahren war es normal, dass Warenhäuser und viele Läden am selben Tag nach Hause liefern.“

Fraglich ist, wie lange Amazon sein neues Lager betreiben wird. Das Ku’damm–Karree soll umgebaut werden, im Bereich des Lagers wahrscheinlich ab Mitte 2017. Die Vermietung „erfolgt ausschließlich zur Überbrückung der Zeit bis zum Baubeginn“, teilt der Investor Cells Bauwelt mit. Die Modernisierung des Gebäudekomplexes solle bis 2019 dauern.

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