Pin-Pleite : "Es ist dramatischer als erwartet“

Pin-Insolvenzverwalter Andreas Ringstmeier über die schwierige Investorensuche des angeschlagenen Postkonkurrenten.

Pin
Schwieriger Arbeitsplatz: Pin-Angestellte auf dem Dienstrad. -Foto: ddp

Herr Ringstmeier, die Pin-Gruppe hat soeben für 21 weitere Tochtergesellschaften Insolvenz angemeldet. Folgen weitere?

Das weiß ich nicht, denn ich werde erst vom Amtsgericht informiert, wenn Insolvenzanträge gestellt worden sind.

Soeben hat es auch die Pin Shared Service Center GmbH, kurz SSC, getroffen, die Buchhaltungsgesellschaft. Bislang hieß es: Wenn die SSC Insolvenz anmeldet, werde es für Pin als Ganzes eng. Ist der Versuch, die Pin-Gruppe zu retten, gescheitert?

Wir haben Betriebe, die geschlossen werden mussten oder müssen. Ein Großteil dieser Betriebe wurde von der Pin Shared Service Center GmbH betreut. Diese Arbeit entfällt nun, der SSC entgehen wichtige Einnahmen. Die Konsequenz ist, dass wir diese Gesellschaft auf die neuen Bedingungen einstellen müssen.

Wird auch sie geschlossen?

Wenn eine genügend große Anzahl von Pin-Gesellschaften erhalten bleibt, gibt es weiterhin Bedarf für eine Dienstleistungsgesellschaft, die Finanz- und Personalbuchhaltung erledigt. Im Moment sind es noch genügend.

Wie lange noch?

Das hängt von der weiteren Entwicklung der Gruppe ab.

Die Sanierer sagen, die „große Lösung“ sei noch möglich: ein Investor, der die gesamte verbliebene Gruppe aufkauft. Ist das nicht weit entfernt von der Ursprungsidee, einen Investor für den ganzen Konzern zu finden?

Einige der operativen Gesellschaften sind geschlossen oder aber einzeln verkauft. Es kann immer noch eine Lösung geben, die verglichen mit den anderen Konkurrenten der gelben Post (Deutschen Post, d. Red.) groß ist. Selbst in der jetzigen Konstellation ist die Pin-Gruppe immer noch größer als alle anderen Konkurrenten.

Ursprünglich wollten die Sanierer bis Ende Februar einen Käufer haben. Dann bis Ende März. Viel Zeit bleibt nicht, wenn es keine Bruchlandung geben soll.

Die Lage ist ernst. Dass die von Ihnen genannten Termine wichtige Termine waren, sieht man ja an den Entwicklungen, die unmittelbar danach eingetreten sind. Nach dem 29. Februar zum Beispiel hat es ja weitere Schließungen gegeben, hat es weitere Insolvenzanträge gegeben. Der Aderlass ist schlimmer geworden.

Gerade im März hat die Gruppe erheblich an Substanz verloren: Im Norden Deutschlands und in der Mitte gibt es keine Pin-Gesellschaften mehr.

In diesen Regionen haben wir richtig gelitten. Das war keine vorteilhafte Entwicklung.

Die nun bestmögliche Lösung scheint zu sein, dass ein Investor die wirtschaftlich starken Gesellschaften in und um Berlin, in Ost- und in Süddeutschland kauft?

Ich hielte diese Lösung, wenn es nicht zu einer großen Lösung kommen sollte, für eine gute, weil sie sich auf gesunde Teile der Pin-Gruppe konzentriert. Die zusammen sind groß genug, um als ernsthafter Konkurrent wahrgenommen zu werden. Aus den regionalen Zentren könnte später wieder eine bundesweit präsente Pin-Gruppe werden. Ich glaube, dass die Menschen in den vergangenen Wochen erkannt haben, dass die Pin-Idee gut ist.

Es ist der Eindruck entstanden, dass der Mindestlohn ein Grund war, warum Pin in die Insolvenz gehen musste, aber nicht der einzige. Täuscht dieser Eindruck?

Das würde ich so sehen wie Sie.

Die Pin-Firmen in großen Städten galten überwiegend als stark genug, die Krise der Gruppe zu überstehen. Stimmt das noch?

Es gibt Gesellschaften, die lokal sehr stark aufgestellt sind. In Berlin zum Beispiel, sodass man dort keine Sorgen haben muss, dass diese Unternehmensteile nicht bestehen werden. Sie werden sich künftig vielleicht anders ausrichten müssen, strategische Partner suchen, die andernorts ausliefern.

Aber die Zeit wird auch für die gesunden Gesellschaften knapp. Nachrichten wie die über den Vorwurf, eine handzahme Gewerkschaft aufgepäppelt zu haben, machen es nicht leichter. Was, wenn nicht bis Ende April ein Investor gefunden ist?

Für die gesunden Gesellschaften ist Herr Dr. Kübler der richtige Ansprechpartner. Fest steht aber: Wenn kein Investor gefunden wird, dann müssten sich die Gesellschaften so aufstellen, dass sie ohne Investorengeld überleben.

Sie haben 1780 Arbeitsplätze gerettet. Dagegen stehen gut 5500 Entlassungen. Welches Gefühl überwiegt?

So sehr ich mich über jeden erhaltenen Arbeitsplatz freue, ich empfinde es eher als schlechtes Ergebnis denn als gutes Ergebnis. Dass wir eine erhebliche Anzahl an Arbeitsplätzen verlieren würden, war von Anfang an klar. Dass es so dramatisch würde, nicht. Es ist schlimmer gekommen, als ich gedacht habe.

Wie erklären Sie das?

Das erstaunliche ist, dass es am Anfang sehr reges Interesse gab. In aller Regel kommt es bei Interesse vieler potentieller Investoren am Ende der Verhandlungen zu einem Abschluss, auch wenn der nicht in jedem Fall so ausfällt, wie der Insolvenzverwalter sich das vorher ausgedacht hat. Im Fall der Pin-Gesellschaften ist es so, dass ich mit vielen Interessenten über lokale Einzellösungen verhandelt habe, die bis auf wenige Ausnahmefälle in letzter Sekunde abgesprungen sind.

Wie viele Stellen werden übrigbleiben?

Vielleicht werden wir am Ende 5000 behalten können, wenn es gut geht.

Das Gespräch führte Marc Neller.

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